Mein Leben als Leser


Ich lebe noch…
Juni 19, 2009, 2:23
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Ich wollte mich einfach einmal melden – Ja, ich lebe noch. Ja, ich lese auch noch. Nur bin ich derzeit so im Prüfungsstress und es sind auch noch andere wichtige Entscheidungen zu treffen, so dass ich kaum dazu komme irgend etwas zu rezensieren. Ich lese dennoch eure Beiträge. Ich melde mich wieder – Bin ja nicht aus der Welt geschafft ;=)



Ex Libris #4
Mai 5, 2009, 2:39
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“In Filmen lieben wir die schlafenden Kinder. Bei deren Anblick geht selbst Film-Bösewichten das Herz über. Aber hat schon wer bemerkt, wie anmutig Menschen sind, wenn sie Bücher lesen?”

zitiert nach: Evelyne Polt-Heinzl; Zwischen.Stationen. Vom Lesen unterwegs, Geschichten um und in Bus und Bim; Hauptverband des österreichischen Buchhandels, Wien, 2009, S.128
aus: Daniel Glattauer; Lesende sind schön; aus: Die Vögel brüllen. Kommentare zum Alltag; Deuticke im Paul Zsolnay-Verlag, Wien, 2004



Statistik April 2009
April 30, 2009, 7:27
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Legende:
Bereits gelesen
Abgebrochen
Unilektüre

Gelesen

Isabelle Minière; Ein ganz normales Paar; Frankreich; 203 S.
Michael Köhlmeier; Dein Zimmer für mich allein; Österreich; 120 S.
Jessica Durlacher; Schriftsteller!; Niederlande; 113 S.
T.C. Boyle; Guten Flug. Zwei Erzählungen; USA; 92 S.
Neil Gaiman; Sternenwanderer; Großbritannien/USA; 240 S.
Christoph Marzi; Du glaubst doch an Feen, oder?; Deutschland; 112 S.
Marcel Reich-Ranicki; Über Literaturkritik; Deutschland; 80 S.
Gunther Nickel (Herausgeber); Kaufen! statt Lesen!: Literaturkritik in der Krise?; Deutschland; 61 S.

Jean-Paul Sartre; Die Eingeschlossenen von Altona; Frankreich; 189 S.
Tilman Rammstedt; Der Kaiser von China; Deutschland; 192 S.
Andrew Kaufman; Alle meine Freunde sind Superhelden; Kanada; 120 S.
Mauricio Rosencof; Die Briefe, die nie angekommen sind; Uruguay; 31 S.
Thomas Bernhard; Heldenplatz; Österreich; 176 S.

Insgesamt: 1729 S. (= 13 Bücher)

Gekauft

Thomas Bernhard; Heldenplatz; Österreich
Richard David Precht; Die Kosmonauten; Deutschland
Jean-Paul Sartre; Die Eingeschlossenen von Altona; Frankreich
Christoph Marzi; Du glaubst doch an Feen, oder?; Deutschland
Michael Köhlmeier; Dein Zimmer für mich allein; Österreich
T.C. Boyle; Guten Flug. Zwei Erzählungen; USA
Isabelle Minière; Ein ganz normales Paar; Frankreich
Jessica Durlacher; Schriftsteller!; Niederlande

Juli Zeh; Spieltrieb; Deutschland
Charles Baudelaire; Die Blumen des Bösen; Frankreich
Brendan Halpin; All about Dad; USA
Kluun; Mitten ins Gesicht; Niederlande
Peter Carey; Wrong about Japan. Eine Tokioreise; Australien
Nicholas Shakespeare; Sturm; Großbritannien
Friedrich Christian Delius; Bildnis der Mutter als junge Frau; Deutschland
Guillaume Prevost; Das Buch der Zeit Band 1: Die steinerne Pforte; Frankreich

Geliehen

Mauricio Rosencof; Die Briefe, die nie angekommen sind; Uruguay
Samuel Beckett; Warten auf Godot; Irland / Großbritannien / Frankreich
Michael Stauffer; “I promise when the sun comes up I promise, I’ll be true”1 – 1So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden.; Schweiz

Geschenkt

Erlund Loe; Ich bring mich um die Ecke; Norwegen



Kurioses #1
April 30, 2009, 4:49
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Der amerikanische Philosoph und Logiker Willard Van Orman Quine vertrat in “Word and Object” (1960) die These einer „Unbestimmtheit der Übersetzung“. Er meint, dass es unterschiedliche Übersetzungsmanuale gibt, bei der sich das Ergebnis in der Übersetzung unterscheiden kann; alle Ergebnisse, so sie denn auf faktischer Richtigkeit beruhen, seien daher mehr Interpretation als wortgenaue Darstellung und daher alle weder richtig noch falsch. Er führte dies auf die unterschiedlichen Lebenssituationen und Erfahrungshorizonte betreffender Personen zurück und so sei das Erlernen und die Anwendung einer fremden Sprache verfolgt von Irrtümern und Verständigungsschwierigkeiten.

Nur – Übersetzung und Tranlation als Interpretation, welches zum Umändern in Text dargestellter Sachverhalte führt, ist für mich etwas nicht nachvollziehbares. In “Sophiechen und der Riese” (OT: “The BFG”) von Roald Dahl versucht der Protagonist GuRie (der “gute Riese”) Sophie(chen) zu erklären, an welchem Buch er Deutsch gelernt hat. Dies steht in der deutschen Fassung:

Sophiechen nahm das Buch aus seiner Hand und las den Titel laut vor: “Der abenteuerliche Simplizissimus”.
“Von Himmels Grausen”, ergänzte der GuRie.
“Von wem?”

aus: Roald Dahl, Sophiechen und der Riese, 1984

Interessant und auffällig ist natürlich: Der Autor wird nur durch einen auf ihn formulierten Reim wiedergegeben. Ein typisches Motiv innerhalb von Kinder- und Jugendbuchliteratur.

Nur, diese Textstelle findet sich so nicht im Original.

“I is reading it hundreds of times,” the BFG said. “And I is still reading it and teaching new words to myself and how to write them. It is the most scrumdiddlyumptious story.”
Sophie took the book out of his hand. “Nicholas Nickleby,” she read aloud.
“By Dahl’s Chickens” the BFG said.

aus: Roald Dahl: The BFG, 1982

Geht der deutsche Übersetzer Adam Quidum davon aus, dass die deutschen Leserinnen und Leser Charles Dickens nicht kennen? Geht der Übersetzer von der Maßgabe aus, dass sich, weil auch im Original gereimt, sämtliche Autoren und Begrifflichkeiten, die der Protagonistin und somit auch dem Leser unbekannt sind, die natürlich nur (zum Großteil) Reimformen des Ursprungs sind, Veränderung aus diesem Umstand ergeben müssen, um die stilistische Vorgabe einzuhalten?

Seltsam auch, dass an dem englischen Namen der Protagonistin Sophie unbedingt ein Diminutiv als Suffix angehängt werden musste: Sophiechen. Sie bildet das menschliche, kindliche Gegenstück zum Riesen GuRie, ist also körperlich um einiges kleiner als ihr Gegenspieler. Wozu muss sie dann noch einmal verkleinert werden? Etwa, weil sich Kinder durch die Koseform eher angesprochen fühlen? Weil es für einen Erwachsenen sprachlich normal ist, ein Kind auch als ein solches anzusprechen?

Fragen über Fragen.



Ex Libris #3
April 25, 2009, 10:19
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“Was die Schriftsteller schreiben
ist ja nichts gegen die Wirklichkeit
jaja sie schreiben ja daß alles fürchterlich ist
daß alles verdorben und verkommen ist
daß alles katastrophal ist
und daß alles ausweglos ist
aber alles das sie schreiben
ist nichts gegen die Wirklichkeit
die Wiklichkeit ist so schlimm
daß sie nicht beschrieben werden kann
noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit so beschrieben
wie sie wirklich ist
das ist das Fürchterliche”

aus: Thomas Bernhard, Heldenplatz; Suhrkamp, 1. Neuauflage, Frankfurt / Main, 1988; S.115



Ex Media #1
April 25, 2009, 10:05
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“Ein Dichter kann gar keinen anderen Anspruch haben, als: alles neu schreiben. Die Welt verändert, entwickelt sich. Und wir haben diese beiden Möglichkeiten: sie immer wieder neu zu inszenieren – oder sie immer wieder neu zu erschaffen.” (Robert Menasse)

aus: Rastlose Gier nach dem Höchsten. Robert Menasse zur heutigen Uraufführung seiner zeitgemäßen “Faust”-Version in Darmstadt; Interview; Kleine Zeitung, Samstagausgabe vom 25.04.2009, S.79



Tilman Rammstedt – Der Kaiser von China
April 19, 2009, 3:12
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DUMONT Literatur und Kunst Verlag, Oktober 2008
Hardcover, 192 Seiten, 17.90 Euro

ISBN-10 3832180745
ISBN-13 978-3832180744

Der Text sei „hochkomisch und super“[1], so Klaus Nüchtern[2], geradezu „brilliant“[3], „… diese überbordende Suada sei mit großem Können ausgeführt, besitze bei seinem slawischen Humor etwas sehr Eigenständiges“[4], so Daniela Strigl[5], ein in seiner „Musikalität hervorragend ausgeführter Text“[6], so Andre Heiz[7].
Einzig Burkhard Spinnen[8] attestierte dem wenig Potential, er „… gerät auch irgendwann in eine Schieflage, weil immer mehr und mehr aneinander gereiht wird“[9]; zwar wäre die Idee, die Figurengestaltung interessant, die Motive, die Figuren, die humoristische Aufarbeitung des Thanatos-Themas seien aber nicht neu. Er sehe kaum eine Weiterentwicklung schon bekannter Themata: „Zwar blendend komponiert, ein virtuoses Potpourri – aber was hat er der Summe seiner Teile hinzuzufügen…“[10]. Trotz des negativen Urteils von Spinnen wusste der Text sowohl bei den anderen Juroren als auch beim Publikum zu begeistern. Er erhielt nicht nur den Hauptpreis der Jury, sondern auch den Publikumspreis. Zurecht?

Ursula März[11] kritisierte die Haltung des Juryvorsitzenden Spinnen mit den Worten: „Immer wenn hier ein Text mit enormer Leichtigkeit und einer schönen Sprache daherkommt, bei dem viel gelacht wird, wird der Moment kommen, wo er verdächtig gemacht wird.“[12] Mir liegt es fern die Leistung Tilman Rammstedts zu verdächtigen; mir liegt es fern dem Buch eine Sogwirkung zuzuschreiben, genauso wenig möchte ich ihm das Talent absprechen zwischenmenschliche Beziehungen analysieren, beschreiben, beurteilen, darstellen zu können. Die Beziehung des Großvater-Enkel-Gespanns ist gezeichnet von Missverständnissen, Konflikten, die nicht nur die Probleme zweier Menschen in unterschiedlichen Altersklassen betreffen, mehr sind es nicht ausgesprochene Gefühle und Gedanken, mehr noch sind es die Dinge innerhalb des Alltagslebens, die beide trennen. Die Liebe ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Beziehung; das Gefühl jemanden zu lieben, ihn sich nähren zu wollen, nicht zu wissen wie, die Ablehnung, die aus einer solchen Unsicherheit resultiert – all das sind keine humoristischen, schönen Momente. Beide, sowohl Keith, der Enkel, als auch der Großvater sind in dieser Beziehung einsam; sie fühlen sich vom Gegenüber allein gelassen, missverstanden, fehlinterpretiert. Die gegenseitige Suche nach Nähe innerhalb der Familie, auch zu Keith, wird der Figur des Großvaters als Negativum angelastet. Seine zahlreichen, teilweise sehr skurril beschriebenen Eigenheiten übertrieben, auch seine positiven Charakterzüge ins Negative umgekehrt.

““Du kannst froh sein einen solchen Großvater zu haben“, sagte Dai, als wir den Park wieder verließen. „Ja“, sagte ich, auch wenn ich nicht wusste, ob ich darüber wirklich froh sein konnte. Ich wollte es aber können, ich wollte nichts lieber können als das, allen anderen gelang es doch auch, es konnte doch nicht so schwer sein.“[13]

Der verzweifelte Versuch ihn zu lieben, ihn zu verstehen, lässt ihn auch die Nähe zu Franziska, der letzten „Großmutter“ suchen. Er baut mit ihr eine ‘Beziehung’ auf, die vornherein zum Scheitern verurteilt ist; sie teilen keine Liebe füreinander, keine tiefer gehende Emotion, einzig ihre negative Beziehung zum Großvater bleibt ihre Gemeinsamkeit.
Die Beziehung zwischen beiden steht ganz im Mittelpunkt dieses Romans und wird damit auch zum Damoklesschwert für meine negative Beurteilung. Die Handlung bleibt stoisch, Konflikte zwischen den Figuren werden durch das Ableben des Großvaters nicht geklärt; die Beziehung wird einzig und allein durch Keith beurteilt. Es bleibt kein Raum für fremde Beobachtungen, für Beobachtungen von Franziska z.B. oder anderen Mitgliedern dieser Familie. Die Umwelt bleibt ein nicht erwähnter Faktor innerhalb dieser zwischenmenschlichen Beziehung. Nur die charakterliche Schwäche beider Figuren steht im Mittelpunkt, Einflüsse von Außen gibt es kaum, selbst in den fiktiven Briefen Keiths aus China verändert sich dieses Verhältnis nicht. Der Roman ist als Introspektive aufgebaut und bleibt diesem Schema bis zum Ende treu. Ein großes Manko, meiner Ansicht nach.
Nicht nur die Eindimensionalität der Figuren bleibt so bis zum Ende vorhanden, auch bewegt sich in der Handlung nichts; es gibt keinen Fortgang, keine neue Erkenntnis für Keith. Er bleibt in seiner Welt gefangen, in der Konflikte nicht ausgesprochen werden, Emotionen und Gedanken nicht ausgetauscht werden. Auch die China-Episoden, die durchaus imposant, sehr skurril, sehr innovativ in Briefen des jungen Mannes an seine Familie geschildert werden, verstärken den Eindruck noch. Diese Reise hat nicht stattgefunden, sie ist nur ein Phantasieprodukt von Keith, um über den Verlust des eigentlich Ungeliebten hinweg zu kommen – Zudem wirken die Briefe nicht authentisch, aufgesetzt, zu stark konstruiert, um eine Aussage treffen zu können. Andre Heiz hat es sehr passend charakterisiert, wenn er sagt, dass in diesem Roman „Humor als Therapie eingesetzt“[14] werde und der Leser einem „ständig schwatzendes Über-Ich“[15] begegne.

Fazit:

Eine stilistisch gut aufgearbeitete Großvater-Enkel-Beziehung, die sich allerdings innerhalb von fast 200 Seiten wenig bis gar nicht entwickelt; ein Problem ist hier, dass die Möglichkeit Konflikte auszutragen und Lösungsmöglichkeiten zu finden von Anfang an nicht gegeben ist. Der Roman bleibt so stoisch, ohne große Wendungen, ohne große Veränderungen in seiner atmosphärisch heiter-melancholischen Introspektive.

~*~

[1] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[2] Klaus Nüchtern ist ein österreichischer Journalist und publiziert u.a. für „Literaturen“. Seit 1989 arbeitet er als fixer Kulturredakteur, seit 1990 als Chefredakteur bei der Wiener Stadtzeitung „Der Falter“. Von 2004 bis 2008 war er Juror für den Ingeborg-Bachmann-Preis. (lyrikwelt.de)
[3] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[4] ebenda
[5] Daniela Strigl ist „Literaturwissenschaftlerin, -kritikerin und Essayistin (Der Standard, Wiener Journal, Die Presse, Literatur und Kritik, ORF-Radio).“ (literaturhaus.at)
[6] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[7] „André Vladimir Heiz (* 1951) ist ein Schweizer Schriftsteller, Dozent für Semiotik und ein Designtheoretiker.“ (Wikipedia)
[8] Burkhard Spinnen ist „seit 1996 (ist er) freier Autor und erhielt zahlreiche Preise; 2004 den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld für sein bisheriges Gesamtwerk.“ (perlentaucher.de)
[9] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[10] ebenda
[11] Ursula März ist Journalistin bei der Frankfurter Rundschau. (Ursula März: Der 70er-Jahre-Feminismus ist passé)
[12] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[13] Tilman Rammstedt; Der Kaiser von China; DUMONT; Dezember 2008; S.166
[14] Bewertungen des Romanauszuges „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008
[15] ebenda



Ex Libris #2
April 13, 2009, 6:25
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“Denn Lesen ist die einzige Möglichkeit, einen Zustand der Harmonie herzustellen. Nicht weil das, was in den Büchern passiert, die reinste Harmonie ist! Aber es gibt doch keine größere Harmonie als die zwischen einem Menschen und dem Buch, das er gerade liest.” (Burkhard Spinnen)

aus: Gunthar Nickel (Hrsg. im Auftrag der Deutschen Literaturkonferenz), Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?; Wallstein Verlag, Sonderausgabe, Göttingen, 2006



Ex Libris #1
April 13, 2009, 6:17
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“Wo man Unterordnung und Ergebenheit fordert und den Gehorsam und die Gefolgschaft verherrlicht, wird das selbstständige Denken sogleich zum Ärgernis, wo Befehle gelten sollen, muss sich die Kritik als gefährlicher Störfaktor erweisen. Mit anderen Worten: Freiheit und Kritik bedingen sich gegenseitig. Wie es also keine Freiheit ohne Kritik geben kann, so kann auch die Kritik nicht ohne die Freiheit existieren. “

aus: Marcel Reich-Ranicki, Über Literaturkritik; Deutsche Verlags-Anstalt, 2.Auflage, Stuttgart / München, 2002



Christoph Marzi – Du glaubst doch an Feen, oder? oder Tagundnachtgleiche
April 12, 2009, 9:44
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Arena Verlag, März 2009
Sonderausgabe (Magnet-Bücher), 112 Seiten, 3,95 Euro

ISBN-10 3401063650
ISBN-13 978-3401063652

„Sie trank davon, wie ein hungriges Wesen.“
„Sie trank die Geschichten?“
„Davon lebt sie. Feen vergessen sehr schnell. Und wenn jemand keine Erinnerungen mehr hat, dann hört er zu leben auf. Also muss sie sich von fremden Erinnerungen ernähren. Von fremden Gefühlen fremder Menschen.[...]“

In Stephen Kings 1999 erschienen Roman „Das Mädchen“ (OT: „The Girl Who Loved Tom Gordon“) verläuft sich die neunjährige Patricia „Trish“ McFarland bei einer Wanderung, mit ihrer Mutter (, die sich von ihrem Mann gerade getrennt hat) und ihrem Bruder, in den Wäldern Neuenglands, genauer gesagt in Maine. Mit Urängsten wie Hunger, Durst, Orientierungslosigkeit, Einsamkeit, die Angst der Bedrohung des eigenen Lebens und der Unversehrtheit konfrontiert, vermischen sich in ihrer Wahrnehmung Realität und Fantasie. Sie führt Zwiegespräche mit ihrem Baseball-Idol Tom Gordon, Pitcher bei der Baseballmannschaft Boston Red Sox; dieser bestärkt sie, ermutigt sie, ermuntert sie nach einem Weg aus dem Wald zu suchen. Nicht nur mit alltäglichen, existenziellen Ängsten konfrontiert, fühlt sie sich von einem Wesen in ihren Träumen bedroht, dem „Gott der Verlorenen“. Paranoia, ein starker Verfolgungswahn treiben sie schließlich aus dem Unterholz auf eine befahrene Straße. Ihr Verfolger weist sich als ein ausgewachsener Schwarzbär, den sie nur durch den eigenen Mut und das schnelle Handeln eines Wilderers ‘besiegen’ kann.
Offensichtlich war dieser Roman eine große Inspiration, eine Ideensammlung für Christoph Marzi.

Inspirationen von anderen Autoren, wie Karl May, Neil Gaiman, Charles Dickens oder Edgar Allen Poe als literarische Anspielungen, wie bei „Der uralten Metropole“ (Neil Gaiman, Neverwhere), oder aber als eingeworfene Zitate[2] sind für den in der Eifel geborenen Autor intertextuelle Bezüge, ohne die ein heutiges Werk nicht mehr auskomme:

“Dass Künstler sich von anderen Künstlern inspirieren lassen, ist wohl nichts Neues. Ich denke nicht, dass sich ein Musiker findet, der nicht von Bob Dylan, den Beatles, den Rolling Stones oder Abba beeinflusst wurde. […] Ich denke, dass Intertextualität dem Zeitgeist entspricht und einer Geschichte sehr gut tut– und diejenigen, die wirklich erkennen, worauf die Geschichte anspielt, haben auch ihre Freude daran. “[3]

Die Geschichte „Tagundnachtgleiche“ spielt für ihn im „tiefsten Stephen-King-Land“[4], sie sei eine „Mischung aus Liebesgeschichte und Schauermärchen“[5]. Elemente des Schauermärchens lassen sich viele finden – so ist die Geschichte um Fox, das Kind welches der Vater versprochen hat, um die Gesundheit seiner Frau zu bewahren eine moderne Fassung von „Rumpelstilzchen“, die Erlösung durch die Protagonistin Pippa erinnert stark an die Motivik innerhalb des Märchens „Der Froschkönig“. Und doch hat diese Geschichte etwas sehr Eigenes. Die Stilistik ist flüssig, voller Metaphoriken, voller Stilfiguren, die der Geschichte etwas sehr Zauberhaftes, sehr Poetisches geben. Ein Beispiel:

“Es tat gut darüber zu reden. Es war fast so, als könnte man spüren, wie der Wind die Worte packte, sie dann mit sich nahm und irgendwo hoch oben an die Wipfel der Bäume band, wo sie niemanden mehr weh tun konnten mit ihren spitzen Kanten und scharfen Rändern.“[6]

Wie eine Zusammenstellung aller möglichen Einflüsse aus Sagen, Märchen, Liedern und Zitaten wirkt dieses Buch – die Geschichte wirkt stellenweise beliebig, vielmehr berichtend als erzählend. Der Vorwurf des „Abkupferns“ steht im Raum, zu viele Einflüsse seien aufzufinden, zu viele Ideen fast unreflektiert übernommen worden, so die Rezensenten der Romane über „Die uralte Metropole“. Mag das auch stimmen und mag auch „Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche“ nur eine Ansammlung fremder Textstreusel sein – Sie funktioniert. Die Geschichte ist stimmig, flüssig, rasant wie ein Road Movie, eine Suche nach sich selbst.

Fazit:

Eine rasante, schnell erzählte Geschichte mit Elementen des Märchens mit den altbekannten Zutaten von Liebe, einen Kampf gegen das Böse und Fabelwesen, die nicht nur gutes im Sinne haben. Der Stil ist wunderbar, wechselt zwischen berichtenden zu dialogischen Momenten und wirkt poetisch und zauberhaft mit vielen ausdrucksstarken, anschaulichen sprachlichen Bildern. Trotzdem wirkt die Geschichte wie eine Zusammenstellung aller möglichen Sagen und Märchen, teilweise beliebig in der Richtung, teilweise durchschaubar und eindimensional. Ein „Schmankerl“, ein „Betthupferl“[7]. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

~*~

[1] Christoph Marzi: Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche; 1.Auflage 2009; Arena Verlag, S.77
[2] „Ein Geräusch wie von jemanden, der versucht kein Geräusch zu machen.“ ist eine direkte Anspielung auf die Kindergeschichte, die der Kinderbuchautor Ted Cole in „Witwe für ein Jahr“ von John Irving (OT: A Widow for One Year, 1998) seiner vierjährigen Tochter Ruth erzählt bzw. auf das 2003 erschienene Kinderbuch „Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen“ (OT: A Sound Like Someone Trying Not to Make a Sound).
[3] Interview mit Christoph Marzi (09.12.2008) durch LiteraTopia-Welt der Literatur
[4] ebenda
[5] ebenda
[6] Christoph Marzi: Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche; 1.Auflage 2009; Arena Verlag, S.39
[7] [Rezension] Marzi, Christoph – Du glaubst doch an Feen, oder? Bei libromanie.de, 7.4.2009