Mein Leben als Leser

[Rezension] Christoph Marzi: Du glaubst doch an Feen, oder? oder: Tagundnachtgleiche

„Sie trank davon, wie ein hungriges Wesen.“
„Sie trank die Geschichten?“
„Davon lebt sie. Feen vergessen sehr schnell. Und wenn jemand keine Erinnerungen mehr hat, dann hört er zu leben auf. Also muss sie sich von fremden Erinnerungen ernähren. Von fremden Gefühlen fremder Menschen.[...]“

In Stephen Kings 1999 erschienen Roman „Das Mädchen“ (OT: „The Girl Who Loved Tom Gordon“) verläuft sich die neunjährige Patricia „Trish“ McFarland bei einer Wanderung, mit ihrer Mutter (, die sich von ihrem Mann gerade getrennt hat) und ihrem Bruder, in den Wäldern Neuenglands, genauer gesagt in Maine. Mit Urängsten wie Hunger, Durst, Orientierungslosigkeit, Einsamkeit, die Angst der Bedrohung des eigenen Lebens und der Unversehrtheit konfrontiert, vermischen sich in ihrer Wahrnehmung Realität und Fantasie. Sie führt Zwiegespräche mit ihrem Baseball-Idol Tom Gordon, Pitcher bei der Baseballmannschaft Boston Red Sox; dieser bestärkt sie, ermutigt sie, ermuntert sie nach einem Weg aus dem Wald zu suchen. Nicht nur mit alltäglichen, existenziellen Ängsten konfrontiert, fühlt sie sich von einem Wesen in ihren Träumen bedroht, dem „Gott der Verlorenen“. Paranoia, ein starker Verfolgungswahn treiben sie schließlich aus dem Unterholz auf eine befahrene Straße. Ihr Verfolger weist sich als ein ausgewachsener Schwarzbär, den sie nur durch den eigenen Mut und das schnelle Handeln eines Wilderers ‘besiegen’ kann.
Offensichtlich war dieser Roman eine große Inspiration, eine Ideensammlung für Christoph Marzi.

Inspirationen von anderen Autoren, wie Karl May, Neil Gaiman, Charles Dickens oder Edgar Allen Poe als literarische Anspielungen, wie bei „Der uralten Metropole“ (Neil Gaiman, Neverwhere), oder aber als eingeworfene Zitate[2] sind für den in der Eifel geborenen Autor intertextuelle Bezüge, ohne die ein heutiges Werk nicht mehr auskomme:

“Dass Künstler sich von anderen Künstlern inspirieren lassen, ist wohl nichts Neues. Ich denke nicht, dass sich ein Musiker findet, der nicht von Bob Dylan, den Beatles, den Rolling Stones oder Abba beeinflusst wurde. […] Ich denke, dass Intertextualität dem Zeitgeist entspricht und einer Geschichte sehr gut tut– und diejenigen, die wirklich erkennen, worauf die Geschichte anspielt, haben auch ihre Freude daran. “[3]

Die Geschichte „Tagundnachtgleiche“ spielt für ihn im „tiefsten Stephen-King-Land“[4], sie sei eine „Mischung aus Liebesgeschichte und Schauermärchen“[5]. Elemente des Schauermärchens lassen sich viele finden – so ist die Geschichte um Fox, das Kind welches der Vater versprochen hat, um die Gesundheit seiner Frau zu bewahren eine moderne Fassung von „Rumpelstilzchen“, die Erlösung durch die Protagonistin Pippa erinnert stark an die Motivik innerhalb des Märchens „Der Froschkönig“. Und doch hat diese Geschichte etwas sehr Eigenes. Die Stilistik ist flüssig, voller Metaphoriken, voller Stilfiguren, die der Geschichte etwas sehr Zauberhaftes, sehr Poetisches geben. Ein Beispiel:

“Es tat gut darüber zu reden. Es war fast so, als könnte man spüren, wie der Wind die Worte packte, sie dann mit sich nahm und irgendwo hoch oben an die Wipfel der Bäume band, wo sie niemanden mehr weh tun konnten mit ihren spitzen Kanten und scharfen Rändern.“[6]

Wie eine Zusammenstellung aller möglichen Einflüsse aus Sagen, Märchen, Liedern und Zitaten wirkt dieses Buch – die Geschichte wirkt stellenweise beliebig, vielmehr berichtend als erzählend. Der Vorwurf des „Abkupferns“ steht im Raum, zu viele Einflüsse seien aufzufinden, zu viele Ideen fast unreflektiert übernommen worden, so die Rezensenten der Romane über „Die uralte Metropole“. Mag das auch stimmen und mag auch „Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche“ nur eine Ansammlung fremder Textstreusel sein – Sie funktioniert. Die Geschichte ist stimmig, flüssig, rasant wie ein Road Movie, eine Suche nach sich selbst.

Fazit:

Eine rasante, schnell erzählte Geschichte mit Elementen des Märchens mit den altbekannten Zutaten von Liebe, einen Kampf gegen das Böse und Fabelwesen, die nicht nur gutes im Sinne haben. Der Stil ist wunderbar, wechselt zwischen berichtenden zu dialogischen Momenten und wirkt poetisch und zauberhaft mit vielen ausdrucksstarken, anschaulichen sprachlichen Bildern. Trotzdem wirkt die Geschichte wie eine Zusammenstellung aller möglichen Sagen und Märchen, teilweise beliebig in der Richtung, teilweise durchschaubar und eindimensional. Ein „Schmankerl“, ein „Betthupferl“[7]. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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[1] Christoph Marzi: Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche; 1.Auflage 2009; Arena Verlag, S.77
[2] „Ein Geräusch wie von jemanden, der versucht kein Geräusch zu machen.“ ist eine direkte Anspielung auf die Kindergeschichte, die der Kinderbuchautor Ted Cole in „Witwe für ein Jahr“ von John Irving (OT: A Widow for One Year, 1998) seiner vierjährigen Tochter Ruth erzählt bzw. auf das 2003 erschienene Kinderbuch „Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen“ (OT: A Sound Like Someone Trying Not to Make a Sound).
[3] Interview mit Christoph Marzi (09.12.2008) durch LiteraTopia-Welt der Literatur
[4] ebenda
[5] ebenda
[6] Christoph Marzi: Du glaubst doch an Feen, oder? Oder Tagundnachtgleiche; 1.Auflage 2009; Arena Verlag, S.39
[7] [Rezension] Marzi, Christoph – Du glaubst doch an Feen, oder? Bei libromanie.de, 7.4.2009

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Büchereule // Literaturschock

(Rezension vom 13. April 2009)

Juli 10, 2009 Verfasst von sternenwanderer | Rezensionen | | 2 Kommentare

[Rezension] Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater

„Menschen tragen Geheimnisse in sich, plötzlich tauchen Erinnerungen und Gedanken auf, dann tritt das Heute in den Hintergrund.“[1]

Edvard Hoem hat die Geschichte seiner Eltern recherchiert, konstruiert, verfremdet. Er berichtet von einem bäuerlichen familiären Umfeld, beide Elternteile haben keine Möglichkeit ihre Emotionen, ihre Ängste, vor allem ihre Trauer und Einsamkeit auszudrücken, zu thematisieren. Vieles bleibt unausgesprochen, vieles wird nur durch Mimik und Gestik gegenüber dem Partner ausgedrückt, vieles bleibt verborgen. Hoem, dem die Schweigsamkeit seiner Eltern und vor allem die Aussage seiner Mutter, auf die Frage, ob sie ihren Mann liebe, antwortet: „Ich hatte den Vater nicht lieb, als ich mit ihm zusammenkam, aber ich habe ihn liebgewonnen, weil er beständig war, beständig und treu, und das ist genauso wichtig wie Liebe.“[2] macht ihn misstrauisch, weckt das Interesse an der eigenen Familiengeschichte, an der „Geschichte von Mutter und Vater“.
Dabei präsentiert er sich mehr als Suchender denn als Wissender, mehr als Journalist denn als Schriftsteller. Er untersucht private Aufzeichnungen, Sammellisten von Orten, an denen der Vater, ein Wanderprediger, Andachten hielt; er las private Aufzeichnungen und Krankenakten, führte Interviews, arbeitete Daten, sogar Schlagzeilen historischer Tageszeitungen von Norwegens Vergangenheit innerhalb des zweiten Weltkrieges ein. Die Suche nach der eigenen Identität in der Familie wird zu einer Suche nach der Identität Norwegens im 2.Weltkrieg, nach der Identität seiner Mutter, ein „Deutschenflittchen“, nach der seines Vaters, fast sein gesamtes Leben lang zu schwach sich gegenüber den elterlichen Anweisungen, die ihn an Haus und Hof binden, zu widersetzen. Er versucht mit der Perspektive des objektiven Beobachters Familienverhältnisse aufzudröseln, Verständnis für Handlungen seiner Großeltern, seiner Eltern zu finden, nicht zu verurteilen, nicht zu dramatisieren. Ihm ist die Distanz zwischen Geschildertem, Berichtetem und dem Konstrukt seiner schriftstellerischen Freiheit wichtig:

„Die meisten Begebenheiten dieses Buches sind authentisch, aber sie sind mit der Stimme des Schriftstellers erzählt, so, wie er es vor sich sieht, nach dem, was er gesehen und geträumt hat.“[3]

Für mich bleibt er viel zu sehr Suchender, Unwissender. Eine literarische Verdichtung von gesammelten Fakten findet praktisch nicht statt. Die Figuren leben nicht für sich und die Geschichte, es bleiben Persönlichkeiten aus dem Leben des Autors, viel zu sehr Erinnerungsgestalten seiner eigenen Vergangenheit. Er scheitert an dem Projekt seinen Eltern eine Romanexistenz zu geben, Figuren zu werden, die nach für den Leser verständlichen emotionalen, moralischen, logischen Massstäben agieren bzw. reagieren und somit ein Produkt ihrer eigenen Vorstellungen und Ideen werden, zu Handlungsträgern, die ihre eigene Identität begründen, ihren eigenen Lebensweg erst bestimmen müssen. Sie werden nicht zu den literarischen Eltern des Ich-Erzählers, sondern sie bleiben die Eltern des Autors Edvard Hoem.

Der „Roman“ erweist sich als unpathetisch, unsentimental. Das bäuerliche Leben wird als einfaches, aber hartes Arbeitsleben, im Wechsel der Jahreszeiten, dargestellt, nicht im Fontane’schen[4] Stil verklärt, sondern eher durch die konservativ, stark religiös geprägte Lebensart der Gemeinschaft, bestimmt. Edvard Hoem nährt sich dieser Gemeinschaft, vorurteilsfrei, deckt aber dennoch doppelmoralische Züge dieser Gemeinschaftsform auf. Dabei arbeitet eher pointiert, präzise und fokussiert die Geschichte seiner Eltern als Teil einer solchen Lebensgemeinschaft auf, zeichnet ihre Rollen nach, charakterisiert sie dabei beide als Außenseiter, als identitätslose junge Menschen auf der Suche nach ihrer Bestimmung im Leben, die beide auf ihre Art und Weise an den gesellschaftlichen, aber persönlichen Grenzen, Problemen und Emotionen scheitern. Das Scheitern beider Figuren wirkt nicht gekünstelt, gestelzt oder theatralisch überdramatisiert, die Sprache hat mehr berichtendem, mehr nüchternen Charakter. Da beide Protagonisten keine Sprache für ihre Gefühle und Leidenschaften haben, und sich dabei auch keiner abstrakt natürlichen Beschreibung[5] bedienen, wird die Ebene der Gefühle zumeist über Bibelzitate ausgedrückt, z.B. hat Edvard Hoems Vater, Knut, keine Worte dafür seiner Frau für ihren Fleiß, ihre positive Arbeitshaltung, die ihm das Leben erleichtert, in irgendeiner Form Dankbarkeit zu zollen. Er formuliert diesen Dank in Form eines Zitats aus dem Buch der Sprichwörter[6]: „Eine tüchtige Frau ist mehr Wert als Perlen.“[7]

Das Buch bietet kaum Spannung, ist doch das Familiengeheimnis bald offen gelegt. Es bietet auch keine Unterhaltung, wirkt es mehr als journalistischen denn als schriftstellerisches Zeugnis. Und doch bereue ich keine Sekunde die Lektüre dieses Buches genossen zu haben. Die Suche nach der eigenen Identität, nach der Identität innerhalb der Familie als kleinste gesellschaftliche Größe, der Suche nach der Identität beider Eltern, findet in Edvard Hoems Roman „Die Geschichte von Mutter und Vater“ eine würdige Darstellung. Die Stärke des Romans ist es keine festen Vorstellungen, keine Meinungen, keine Perspektiven, vom Autor vorgegeben, vorzufinden. Der Versuch eines hohen Grades an Objektivität und Authentizität erleichtert den Zugang zu den Figuren, werden doch ihre Handlungen und Ideen in ein gesellschaftliches System des ländlichen Norwegens innerhalb des 2.Weltkrieges eingeordnet. Aber es gelingt dem Autor nicht die Geschichte zu verdichten, viele Passagen wirken langatmig, vieles wird zu detailliert erklärt, ohne dass einen Fortschritt für die Geschichte bringen würde.
Viel zu unsentimental, viel zu wenig Identifikationspotential ermöglicht der Autor dem Leser mit seinen Figuren, so dass mehr ein historisches Dokument entsteht, an Stelle eines literarischen Zeugnisses.

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[1] Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater; Suhrkamp Taschenbuch-Verlag, 1.Auflage 2009, S. 77

[2] ebenda, S.7/8

[3] ebenda, S.220

[4] Botho von Rienäcker ist ein von Fontanes Gestalten, die ein erhöhtes Interesse am einfachen Leben hat („Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch.“) , das bäuerliche Leben dabei geradezu verklärt. Dabei rebelliert er passiv gegen das feste Standesdünkel, gegen die Vorstellungen einer ’standesgemäßen Ehe’, bleibt aber dennoch bei seinem adligen Leben, um den bisherigen Lebensstandard halten zu können („Ich bitte Sie, Wedell, [Botho von] Rienäcker steht vor einer viel schärferen: Er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die Heiratsecke. [Käthe zu] heiraten ist für Rienäcker keine Gefahr, sondern die Rettung.“) – vgl. Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

[5] Conxa hat aufgrund des einfachen Lebens, aufgrund der fehlenden Bildung für ihre Emotionen, ihre Gedanken keine Sprache entwickelt und nutzt so abstrakte, natürliche, aus ihrem Lebensumfeld stammende Vergleiche (“Ich fühle mich wie ein Stein im Geröll. Wenn irgend jemand oder irgend etwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen und herunterrollen; wenn mir aber niemand einen Stoß versetzt, werde ich einfach hier bleiben, ohne mich zu rühren, einen Tag um den anderen…”) – vgl. Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll

[6] Nach Luthers Bibelübersetzung lautet das Sprichwort allerdings: „Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert.“ (Spr 31,10-12,25-30) – Quelle

[7] Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater; Suhrkamp Taschenbuch-Verlag, 1.Auflage 2009, S. 212

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Büchereule // Literaturschock

(Rezension vom 21. März 2009)

Juli 10, 2009 Verfasst von sternenwanderer | Rezensionen | | Noch keine Kommentare

[Rezension] Annette Pehnt: Mobbing

Über den Autor:

Annette Pehnt (* 25. Juli 1967 in Köln) ist eine deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin mit Wohnsitz in Freiburg im Breisgau.

Quelle: Wikipedia

Klappentext:

Wenn das Schlimmste passiert ist, muss man sich endlich nicht mehr davor fürchten, sagte Joachim. Er warf den Briefumschlag auf den Küchentisch. Und mit einem merkwürdigen Ausdruck der Erleichterung fügte er hinzu, sie haben es geschafft. Was sie gegen ihn vorbrachten, war gelogen. Aber Feinde, Gespenster, Verschwörungen gehörten seit Jahren zu unserem Leben. Jetzt musste er wenigstens nicht mehr über die Arbeit reden, jetzt hatte er keine Arbeit mehr. Was aber würde aus ihm werden, was aus uns? – Annette Pehnts klarer, feinsinniger Roman »Das Haus der Schildkröten«, von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen, widmete sich einem großen Tabu, dem Altern. Mit »Mobbing« gelingt ihr jetzt in der Verbindung aus Anteilnahme und literarischer Distanz ein glänzender Roman um ein drängendes Thema.

Meine Meinung:

„Es ärgert mich, wie Katrin über uns Bescheid zu wissen meint, ihre Bemerkungen geben mir das Gefühl, wir durchliefen eine Fallgeschichte, sie nimmt mir die Einzigartigkeit meiner Verzweiflung.“[*]

Der Verlust des Arbeitsplatzes, der damit verbundene finanzielle und soziale Abstieg einer mittelständischen Familie, die Veränderungen innerhalb der Paar-Beziehung mit redundant ablaufenden Gesprächen, bestehend aus Vorwürfen, Missverständnissen und Rückzug voreinander. Joachim ist der Protagonist von Annette Pehnts Roman „Mobbing“ – Er ist der Träger der Familie, das finanzielle Standbein, mit dem das schöne Haus im Grünen, der Kindergarten und sämtliche Freizeitangebote für zwei Kinder beglichen werden. Und doch berichtet nicht der Familienvater, sondern dessen Ehefrau. Sie berichtet von Anfeindungen gegenüber Joachim an seinem Arbeitsplatz, von der entstehenden Isolation, vom Mobbing durch die neue Vorgesetzte, durch die Kollegen; von der fristlosen Kündigung und den damit verbundenen Existenzängsten, von der eigenen Hilflosigkeit sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren und von Joachims Rückzug aus der Ehe, den vielen Gesprächen, die misslingen, weil beide nicht in der Lage sind ihre Gedanken zu formulieren; den Gesprächen, die nur aus Vorwürfen bestehen, aus der eigenen Isolation bestehen.
Die Öffnung gegenüber dem Partner findet nicht statt – Joachim zieht sich zurück, wird ein einsamer Kämpfer und fühlt sich von seiner Ehefrau nicht genügend unterstützt. Sie weiß nicht, wie sie mit ihm umgehen soll, kann ihn nicht rückhaltlos unterstützen, will ein differenziertes Bild statt der einseitigen Beschreibung ihres Mannes. Das eigentliche Thema des Romans – das Mobbing – bleibt ein beinahe ausgespartes Thema; vieles deutet sich an, vieles bleibt im Ungefähren. Die Beschreibungen sind kryptisch und vielseitig auslegbar. Nur in Ausschnitten und zwar dialogisch, im Gesprächsszenen mit seiner Ehefrau, berichtet Joachim von den Problemen an seiner Arbeitsstellen – das Bild wirkt im Roman trotz der Ambivalenz deswegen so scharf gezeichnet, weil die Autorin gekonnt diese Gesprächsfetzen mit anderen Perspektiven verbindet. Immer wieder sind es Freunde und Bekannte, die wenig unterstützend wirken – die Ehefrau reflektiert diese, fühlt sich sogar ausgeschlossen, abgestoßen und missverstanden. Immer wieder gibt es Sequenzen von seiner Arbeitsstelle, wiederum nur kryptisch, die meisten sehr missverständlich, vieldeutig. Es entsteht der der Eindruck, dass das eigentliche Thema des Romans nicht das Mobbing ist, sondern hier eine Fallstudie präsentiert wird, wie sich der Verlust des Arbeitsplatzes auf das Leben einer gesamten Familie auswirken kann. Und geradezu stilistisch perfekt reihen sich da die Dialoge ein:

“Hier erklang zum ersten Mal der Refrain, der uns seitdem begleitet. Er kann verschiedene Formen annehmen, sich in unterschiedliche Wendungen kleiden und sich unter anderen Vorzeichen in unsere Gespräche drängen.

Er: Du warst nie dabei. / Sei froh, dass du nicht dabei warst. / Du hast keine Ahnung. / Du kannst dir das nicht vorstellen. / Das versteht nur einer, der es selbst erlebt hat.
Sie: Dann halte ich lieber gleich den Mund. / Dann gehe ich eben ins Bett. / Was soll ich da noch sagen. / Wie sollen wir denn überhaupt noch reden.
Er: Reden, reden, reden. / Worte sind eben nicht alles. / Immer dieses Gerede. / Dann geh doch ins Bett, du siehst sowieso müde aus.“[*]

Raffiniert, niemals langatmig, immer sehr lapidar beschreibt die Autorin den Verfall der Familie; sie konzentriert die Handlung auf einen Tag, den Valentinstag, sowie den darauf folgenden Sommer. Lakonisch reiht sich Beschreibung an Beschreibung; die Autorin selbst lässt ihre Figuren sprechen, sie belehrt nicht, sie reflektiert nicht. Der Roman wirkt dennoch wie eine Gesellschaftskritik; poetische Kraft entwickelt sich so dennoch – Nicht nur, wenn die Protagonistin die Sandburg von Kindern zerstört, weil diese ihre älteste Tochter nicht haben mitspielen lassen; und nicht nur, wenn beide nebeneinander liegen, nur schweigen und das einzige Geräusch das der Bienen im Vorgarten ist.

Fazit:

Ausnehmend gut, stilistisch sehr dicht und inhaltlich interessant finde ich diesen Roman der deutschen Autorin. Die Lösung nicht Joachim selbst, sondern seine Ehefrau sprechen zu lassen, um die Ungewissheit und Hilflosigkeit in der Familie darzustellen sowie die starke Veränderung in der Paar-Kommunikation halte ich für sehr gelungen. Ein „schönes“ Leseerlebnis.

[ * ] Annette Pehnt: Mobbing; Serie Piper; München; Dezember 2008

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Büchereule // Literatina // Literaturschock

(Rezension vom 22. Februar 2009)

Juli 10, 2009 Verfasst von sternenwanderer | Rezensionen | | Noch keine Kommentare

[Rezension] Alina Bronsky: Scherbenpark

Über den Autor:

Alina Bronsky kam 1978 in der russischen Industriestadt Jekaterinburg zur Welt. Sie ist Tochter eines Physikers und einer Astronomin. Sie wuchs auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges sowie in Marburg und Darmstadt auf. Nach Abbruch ihres Medizinstudiums arbeitete sie als Werbetexterin und Zeitungsredakteurin. Sie lebt in Frankfurt. „Scherbenpark“ ist ihr erster Roman.

Weitere Informationen:
Perlentaucher
Kurzporträt und Interview bei Kiepenheuer & Witsch
Hompage zu „Scherbenpark“

Klappentext:

In diesem sehr heißen Sommer ist Sascha siebzehn, und sie hat nur zwei Träume: Sie will ihrer Mutter ein Buch schreiben, und sie will Vadim töten. Was es mit Vadim auf sich hat, warum Sascha ohne Mutter, aber mit ihrer Großtante lebt, wie die Familie durch ein Verbrechen erschüttert, und berühmt wurde und was es bedeutet in einem Dreiecksverhältnis mit einem Journalisten und seinem sechszehnjährigen Sohn zu geraten – all das erzählt sie mit Herz, Witz und einer Energie, die mitreißt.

Eigene Meinung:

„Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen. [...] Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.“

Sascha ist 17; die Mutter tot, erschossen vom eigenen Stiefvater. Sie lebt zusammen mit der devoten Großtante Maria, ebenso aus Russland, aus Nowosibirsk, die Deutschkenntnisse ihrerseits mangelhaft, isoliert lebend, ohne viele Perspektiven, einzig für die Kinder, für Sascha, Alissa und Anton lebt sie. Sascha dagegen besucht ein katholisches Gymnasium, hat sehr gute Zeugnisse, spricht fließend Deutsch und hat die besten Chancen, beste Perspektiven auf ein Studium oder eine Ausbildung. Dennoch hat sie nur zwei Ziele: Ihrer Mutter ein Buch zu schreiben und Vadim zu töten. Vadim, der Prügelnde, der schlechte Ehemann, schlechte Vater, Mörder ihrer Mutter und dessen neuen Lebensgefährten. Ihr Leben hat er zerstört, nehmen will sie ihm seines. Minutiös geht sie die möglichen Tötungsmethoden durch: Vergiften? Erschlagen? Erstechen? Es bleibt alles ein reines Gedankenspiel, ein Ausleben von Trauer und Hass; Vergebung oder Verzeihung sind für sie keine in Frage kommenden Alternativen.
Geradezu schnoddrig ist der Ton in „Scherbenpark“, geradezu gewaltgeladen und trotz der doch sehr heiklen und dramatischen Situation, in der die Protagonistin lebt, sarkastisch, beinahe zynisch. Direkt, ohne viel Umschweife, schmissig und altklug reagiert das Mädchen auf seine Umwelt. Die Traurigkeit, die Melancholie sind ein ständiger, aber nicht offenkundig immer genannter Faktor in Saschas Leben. Sie sucht sich ihren Platz in der Welt, in einer Welt der Plattenbausiedlung Solitär, in der gebrochene Existenzen, Russlanddeutsche, die auch nach zehn Jahren weder Deutsch noch mehr ihre Muttersprache Russisch sprechen können, leben. Arbeitslos, ohne viele Perspektiven oder Jobchancen, sind Alkoholismus, Drogen, Missbrauch und Misshandlung ständige Erscheinungen in der Siedlung am Rande von Frankfurt. Und doch bleibt dies nur der Rahmen. Alina Bronsky beschreibt hier weniger eine Milieustudie, als vielmehr die Entwicklung einer Jugendlichen zur jungen Frau, die selbstbewusst und verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen versucht, allein, ohne fremde Hilfe, ohne familiären Beistand.

Der Roman erscheint witzig, geradezu humorvoll. Die Sprache bleibt, trotz oder sogar wahrscheinlich aufgrund des Milieus in dem Alexandra lebt, direkt, klar, ohne Verschönerungen oder Schnörkel. Im jugendlichen Jargon lässt sie den Leser als stillen Beobachter, nicht zuletzt als Teilhaber, ihre Verbrechen, Taten und Gedanken miterleben. „16-Mal sei das Wort „ich“ auf einer Seite vorhanden“, beschwert sich David Hugendick in einer ZEIT-Rezension und man wünscht sich bei Zeiten nicht hinschauen zu müssen, einmal Distanz wahren zu können, die Protagonisten einmal von außen, nicht nur von ihnen betrachten zu können bzw. vielleicht sogar eine andere Perspektive kennen zu lernen, einen anderen Blick nicht nur auf das Geschehen sondern auch auf Sascha selbst.
Und doch bleibt einem die Figur der Sascha immer sympathisch, immer verständlich in ihren Arten zu handeln und mit ihrer Umwelt zu agieren; sie ist direkt, intelligent, sehr offen und freundlich, aber auch altklug und in gewissen Punkten sehr grausam. Eine Figur mit Ecken und Kanten bleibt Sascha immer und es gelingt der Autorin so, dass die Figur nicht ein Konstrukt bleibt, sondern der Leser sie, ohne großartige Beschreibungen ihrerseits über ihr Äußeres zu erhalten, sehr gut imaginieren und vorstellen kann.

Die Frage, die beim Lesen immer wieder redundant auftaucht, ist, welches Genre dieser Roman angehören will. Als Milieustudie bedient er sich vieler Klischees, ohne wirklich viele Perspektiven zu offenbaren wirkt das Bild zu allgemein, zu Schwarz-Weiß; Alina Bronsky durchkreuzt, durchmischt die Klischees einer gewaltbereiten, alkoholkranken, arbeitslosen russischen Gemeinde mit einer zur Pazifismus und Unterwürfigkeit neigenden, deutschen Gesellschaft, bricht diese immer wieder auf – Dies wirkt sehr bemüht, sehr mechanisch, ohne viele Details oder Emotionen. Menschliche Schicksale werden nur selten ins Blickfeld des Lesers geführt, und wenn geschieht dies immer durch das negative Auffallen dieser Persönlichkeiten.
Als Liebesroman, also Sascha im Dreiecksverhältnis zu Volker und Felix, ist dieses Debut auch nicht gut kategorisiert worden, schließlich hat die Protagonistin eine gewisse Affinität sich stark über Sex zu definieren, in diesem Themenbereich, bzw. wenig bis gar nicht emotional zu reagieren. Mag dies auch Maske sein, so wirkt sie eher berechnend, unterkühlt, emotionslos, ohne viel Zeit verbrauchen zu wollen für einen schönen Moment. Aber vielleicht ist gerade diese Emotionslosigkeit auch nur ein Produkt dessen, dass sie, bei der Beobachtung der Ehe ihrer Mutter, eine zu naive, zu liebevolle Einstellung gegenüber dem Mann dazu führt, schluss endlich verraten und verletzt zu werden.
Also doch ein Entwicklungsroman, meiner Ansicht nach. Sascha entdeckt ein Leben außerhalb des „Solitärs“, außerhalb ihres Horizonts, welcher durch einen rauen Alltag geprägt ist. Dabei lernt sie nicht nur die Liebe kenne, auch welche Schwierigkeiten ein Leben mit sich bringen kann, welche Kraft notwendig ist seinen eigenen Weg zu finden und diesen auch zu leben.

Die Geschichte dessen, dass Alina Bronsky das Manuskript unaufgefordert eingeschickt und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch sofort einen Vertrag erhalten hat, mag eine stark übertrieben Darstellung der Ereignisse sein (Literaturcafé) und doch erscheint es bei diesem wirklich starken Debut nicht unwahrscheinlich. Die Sprache bleibt klar, immer direkt, immer auf einem gewissen, sehr jugendlichem Niveau, was das Buch und somit auch die Hauptfigur sehr sympathisch machen.
Mag auch die Liebesgeschichte für einige Leser daneben, unpassend und am Ende konstruiert erscheinen, so ist sie doch eine lebendig beschriebene Station auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Dennoch, zugegebenermaßen, sind Szenen der Zärtlichkeit sehr harsch, sehr rau, sehr distanziert beschrieben, geradezu emotionslos und unbeteiligt wirkt Sascha, nicht nur beim Akt selbst, sondern auch dann wenn es um die Beschreibung ihrer Gefühle geht.

Trotzdem, ein gelungenes, interessantes Debut von einer Autorin, von der ich hoffe mehr zu hören.

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Literaturschock // Büchereule

(Rezension vom 25. Oktober 2008)

Juli 10, 2009 Verfasst von sternenwanderer | Rezensionen | | 1 Kommentar