[Literatur im Fernsehen] „Die Vorleser“ – Sendung vom 10.Juli 2009

„Die Vorleser“ – Amelie Fried und Ijoma Mangold
Die Vorleser, das sind Ijoma Mangold und Amelie Fried. Beide sind im Literaturbetrieb tätig – Sie bilden eine Antithetik, ein Gegensatzpaar, so zumindest erschien die Strategie des ZDF auf der einen Seite einen Literaturkritiker, tätig als Literaturkritiker und Feuilletonist bei der Süddeutschen Zeitung seit 2001, auf der anderen Seite eine Autorin, die die FAZ als „erfolgreiche Verfasserin von Frauenliteratur mit Herz“[1] bezeichnet. Erwünscht schien eine Mischung aus dem „Literarischen Quartett“ und „Lesen!“ – Kontroverse Diskussionen, Streitkultur in Höchstform über die „Ware Buch“ einerseits, andererseits der Charme einer Elke Heidenreich nur ein Buch in die Kamera zu halten und zu sagen „Lesen sie das! Es wird sie glücklich machen!“ Also das Ziel: Bücher vorstellen – „vorlesen“ – darüber diskutieren, vielleicht auch einmal einen Streitdiskurs wagen, aber vor allem natürlich für Bücher werben, den Zuschauer anstiften, ergo: Bücher verkaufen.
Von Anfang an wurde die Rollenverteilung der beiden Moderatoren deutlich. Ijoma Mangold zeigte Sachverstand, argumentierte auf hohem Niveau (bzw. versuchte seinen einstudierten Sätzen auf einem solchen Level zu präsentieren), war also die rationale, objektive, sachliche Instanz, während Amelie Fried die emotionale Seite repräsentierte, die Nähe zu den Figuren suchte, eine eher jugendlich-allgemeine Sprache wählte. Der Dialog wirkte konventionell, ruhig, zu höflich, zu distanziert, zu aufgesetzt, zu steif und starr. Es fehlte der Esprit, die Unmiitelbarkeit der Moderation, allzu einstudiert und auswendig gelernt wirkte das Gespräch.
Literaturkritik als Zusammenfassen von Inhalt, kurze, sehr unpräzise formulierte ästhetische Eindrücke[2]. Eine Diskussion über Buchinhalte, eine Empfehlung, basierend auf Ziel- bzw. Altersgruppe oder aber die Suche nach Konnotationen, Vergleiche der Darstellungen oder auch nur eine mehr sachliche denn persönliche Einschätzung – all das fehlt den „Vorlesern“. Die Bücher werden brav in die Kamera gehalten, Amelie Fried versuchte mehrmals die Rolle der Frau Heidenreich einzunehmen, in dem sie schwärmte: „Dieses Buch finde ich richtig toll.“ – Das Warum schien offensichtlich keinen zu interessieren.
„… und hopp, weiter zum nächsten Buch …“[3]
Vier Minuten für den doch interessant klingenden Roman „Weiße Geister“ von Alice Greenway. Sechs Minuten für Per Olev Enquist Autobiografie „Ein anderes Leben“. Zu wenig Zeit, so moniert bzw. notiert es die Süddeutsche Zeitung[4] und sagt:
„Trotzdem sollte man dankbar dafür sein, dass sich die öffentlich-rechtliche Anstalt überhaupt wieder eine Sendung leistet, die sich mit dem Quotenkiller Buch beschäftigt. Auch wenn dieses Kulturhäppchen in den späten Freitagabend zwischen Nachrichtensendung und Kochshow gezwängt wird.“[5]
Auf diesen Diskussionspunkt habe ich nur gewartet und findet auch Platz in einem 2-minütigem Beitrag. Der „arme Literaturbetrieb“, der keinen Weg mehr in die Kinderherzen findet. Die Kinder, die zwischen Legasthenie und Perspektivlosigkeit sich bewegen, in deren Elternhaus sich kaum mehr ein Buch befindet – Wer hätte das gedacht? Anstatt über Lösungsmöglichkeiten, Perseptkiven, Tendenzen zu berichten, über mögliche Hintergründe zu berichten und zu informieren, serviert man dem Zuschauer Allgemeinplätzchen, Informationen, die nicht einmal eine Schlagzeile wert sind. Dieses, ich kann es nicht anders nennen, „Geseiere“ ist kaum zu ertragen.
Die Bücherauswahl erscheint zumindest thematisch dem Bereich „Familie“ zugeordnet zu sein. Nicht uninteressant, diese Liste. Nicht unspannend die Auswahl, die sich zwischen Klassikern und Popkultur bewegt. Nur erscheint sie im Anbetracht des Themas sehr einseitig, sehr bieder, ohne „Ausbrüche“, ohne Beispiele, die hätten bewegen oder auch eine Kontroverse anregen können. Die Liste lässt zudem einen sehr kleinen zeitlichen Rahmen, von Erich Kästners „Als ich ein kleiner Junge war“ erschienen alle Bücher Ende letzten bzw. Anfang diesen Jahres. Warum hat sich Herr Claudio Armbruster, der für den Beitrag „Familie in der Literatur – Literatur in der Familie“ nicht eher damit beschäftigt einen chronologischen Überblick zu geben, wie sich Familie in den letzten 50 Jahren verändert hat, welche Vorstellungen und Perspektiven es gibt bzw. wie sich diese Veränderung in der Literatur niederschlägt?
Kurzum…
… Mein Interesse mich noch mit dem Gast Walter Sittler auseinanderzusetzen ist gering, meine Zeit investiere ich nach 14 Minuten Buchreklame, die keine Literaturkritik ist, und Buchreklame, die keine Literaturkritik ist, in eine sehr sinnvolle Beschäftigung: Lesen.
~*~
[1] Abgewürgt aus dem Off von Sandra Kegel, 11.Juli 2009, F.A.Z.
[2] “ Sich-Buchinhalte-Nacherzählen kann tödlich langweilig sein.“ schrieb Nikolaos Georgakis in „Die Vorleser“ als Einschlafhilfe, 11.Juli 2009
[3] Wolfgang Tischer im Literaturcafé
[4] „Bis(s) zur Bestsellerliste“ von Lilith Volkert, 11.07.2009
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