Mein Leben als Leser

[Literatur und Film] David Yates: Harry Potter and the Half-Blood Prince

Ich gestehe, Rowlings Band Nr.6 „Harry Potter und der Halbblut-Prinz“ war ein stilistisch wenig anspruchsvolles und dem inneren Kind wenig entsprechende Abenteuergeschichte mit zu viel Dramatik, zu viel Gefühl, zu viel Kitsch. Zu einer Soap Opera hatte sich das Buch entwickelt – Wer mit wem? Und wenn ja, bleiben sie als Paar liiert oder trennen sich? Zu wenig Kampf von Gut gegen Böse, zuviel vom Kampf der Geschlechter. Die Suche nach den Horkruxen wurde zur Nebensächlichkeit, Dumbledores Ableben nur in zwei kurzen Sequenzen behandelt. Nur, wie strukturiert und in der Darstellung einladend kann David Yates (Director) in Zusammenarbeit mit den Darstellern Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Alan Rickman und Helena Bonham Carter mit einem Drehbuch von Steve Kloves dem Buch eine angemessene filmische Umsetzung darbringen?

Der Film entwickelt sich fast zu einer Satire über geschlechtsreife junge Menschen, die ihre Liebe zum anderen Geschlecht bzw. zu bestimmten Vertretern dessen entwickeln. Ob es nun Lavanders „Won-Won“ ist, Cormac McLaggans „Tentakelarme“ oder aber Gespräche zwischen Harry und Ron, inwiefern Haut eine ausschlaggebende Komponente bei der Partnerwahl ist. („She has nice… skin.“ – „So you think he is going out with her because she has nice skin?“ – „It contributes.“(imdb.com)) Konflikte, die dabei entstehen, treten in den Vordergrund, eigentliches Potential verschenkt, erkennbare Emotionen, die mit den dargestellten Emotionen nicht koorperieren in der Darstellung nicht vertieft. Viele Ideen, viele Szenen bleiben nur an der Oberfläche, so bleibt nach dem Film mehrere Fragen offen, z.B. welche Horkruxe es gibt, wie Harry sie finden kann, wie man sie zerstören kann bzw. die zwei Möglichkeiten, wie die Prophezeiung sich erfüllen kann.

Ich weiß dennoch sehr viel Positives zu berichten: Die Figurendarstellung bleibt immer ambivalent, so ist Draco Malfoys (Tom Felten) Zweifeln an seinem Handeln deutlich in seiner Körpersprache zu lesen, seine Aussagen „the Chosen One“ zu sein ein guter Gegenpart zu Harry selbst. Beide haben Ängste, beide haben keine Ahnung, wie sie damit umgehen können. Das wird in der Charakterisierung und Umsetzung der Figuren sehr deutlich. Beide bekommen mehr Profil, mehr Möglichkeiten sich darzustellen. Auch die Darstellung von Traurigkeit, von Sehnsucht, von all den negativen und auch positivem Gefühlsarsenal, welches man im jugendlichen Alter so kennen lernt, gelingt, vor allem beim Liebesgeplänkel zwischen Ron und Hermine. Nur Ginny bleibt in ihrer Rolle sehr farblos, sehr wenig präsent, Bonnie Wright hat mich bisher nicht von ihrer Leistung überzeugt – Zu wenig ist sie in ihrer Rolle aktiv, zu wenig ist sie Ginny Weasley und nicht Bonnie Wright. Auf ganzer Linie überzeugt hat mich da, wenn auch nur wenig in Szene gesetzt, Evanna Lynch alias Luna Lovegood.

David Yates bewies sehr viel Geschick bei der Auswahl seiner Kamera-Besetzung, so sind Schnitte sehr fein gesetzt, sehr fließend und viele Szenen wissen so zu überraschen. Auch die Special Effects (die einstürzende Brücke, der brennende Fuchsbau) begeistern den geneigten Zuschauer, viele Szenen hält man sich an seinem Kinosessel fest, man erwartet mit Spannung, wie es weiter geht, wie sich die Figuren entwickeln – Wird Draco seine „Aufgabe“ erfüllen? Was hat es mit Slughorns Geheimnis auf sich? All das entwickelt sich sehr langsam, sehr rätselthaft und ist somit sehr gut umgesetzt.

Mir fehlte dennoch so einiges: Figuren wie Bill Weasley oder Fleur Delacour wurden erst gar nicht eingeführt, auch Snape als Lehrer im Schulfach „Verteidigung gegen die dunklen Künste“ findet nur eine Erwähnung, die Beziehung zwischen Remus Lupin und Tonks existiert bereits. Mir ist bewusst, es müssen Änderungen vorgenommen werden, um den Film spannend und actiongeladen gestalten zu können, auf einige Dinge also zu verzichten ist normal, eine Buchumsetzung 1:1 völlig unmöglich – Ich bin mir dessen bewusst. Gefehlt haben sie dennoch, weil dies Beziehungen und Ideen in der Buchreihe waren, deren Umsetzung mich sehr gereizt hätte. Z.B. ein fulminanter Endkampf, eine Gegenwehr.

Irgendwie war es seltsam zu beobachten, dass Bellatrix und ihre Anhänger durch das Verschwindekabinett Hogwarts so einfach infiltrieren konnten, unbehelligt bis zum Astronomieturm gelangten und auch so wieder verschwanden. Kein anderer Schüler / keine Schülerin war aufzufinden. Allerdings von dem Aufprall eines einzelnen Körpers aufgeschreckt, erscheinen alle und erheben ihre Zauberstäbe… Etwas merkwürdig mutet das an, wenn man mich fragt.

Davon abgesehen, eins kann man jedenfalls nicht sagen: das der Film langweilig ist. Er ist action-geladen, voller Humor und guter Charaktere. Spannung und Unterhaltung kommen nicht zu kurz. Und auch für Menschen, die die Buchreihe nicht gelesen haben, lassen sich viele interessante Aspekte finden. Es war ein kurzweiliges, sehr gutes Filmvergnügen.

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Gegenpositionen:

libromanie – All you can read
El Tragalibros – der Bücherwurm
Bücherwurms Blog-Welt

Büchereule

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Juli 19, 2009 - Verfasst von sternenwanderer | Literatur und Film | | 2 Kommentare

2 Kommentare »

  1. Bill und Fleur haben mir auch gefehlt. Ebenso wie ich erstaunt war, dass Tonks und Lupin schon zusammen sind. Weiter gestört hat es mich allerdings nicht. Vielleicht, weil die Lektüre bei mir auch schon eine Weile her ist. Ich denke, somit fiel es mir leichter, den Film zumindest etwas unabhängiger zum Buch zu sehen. Mir sind solche Sachen zwar aufgefallen, aber eben nicht besonders negativ. ;)
    Im Vergleich zu den anderen Filmen denke ich aber schon, dass man sagen kann, dass er weniger Actionszenen hat. Für mich standen andere Dinge eher im Vordergrund. Aber das mag auch Ansichtssache sein.

    LG,
    Nina

    PS: ‘Gegenpositionen’ klingt so negativ. ;) Letztlich ist der Film doch bei allen ganz gut weggekommen, oder?

    Kommentar von Nina | Juli 19, 2009 | Antworten

  2. … Ich habe die Rubrik einfach so getauft, um auch zu filtern, dass es ähnliche / andersgeartete / gegenteilige Meinungen gibt. Mein Beitrag ist ja nicht die einzige Rezension, die interessant sein kann, sondern ich möchte auch gleich verweisen im Sinne von „Schaut her, hier könnt ihr euch noch etwas dazu durchlesen, so denn Interesse besteht!“ – Die Rubrik so zu nennen war irgendwie… Reflex. *lach*

    Kommentar von sternenwanderer | Juli 19, 2009 | Antworten


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