Im Labyrinth der Buchstaben – Mein Leben als Leserin

[Waiting on Wednesday] #2

Posted in Waiting on Wednesday by sternenwanderer on September 1, 2010

Iniitiert und durchgeführt von Breaking the Spine.

Holly Black / Justine Larbalestier (u.a.) – Zombies vs. Unicorns

Contributors: Cassandra Clare, Libba Bray, Meg Cabot, Scott Westerfeld,…

Verlag: Simon and Schuster
Erscheinungstermin: 21.09.2010

Weitere Informationen: Simon and Schuster (Trailer und Leseprobe u.a.) | Simon and Schuster – Promo | Interview mit Holly Black und Justine Larbalestier | Livejournal von Holly Black | Informationen bei Scott Westerfeld (plus Trailer)

Inhalt: In this anthology, edited by Holly Black and Justine Larbalestier (unicorn and zombie, respectively), strong arguments are made for both sides in the form of short stories. Half of the stories portray the strengths – for good and evil – of unicorns and half show the good (and really, really bad-ass) side of zombies. This anthology will have everyone asking: Team Zombie or Team Unicorn? (Simon and Schuster)

I’ve found that book on a entry for „In my Mailbox“ last Sunday. And I have to say it: this is one of the weirdest collections of short stories I’ve seen or read in my life. So, I can’t wait for the 21st of September! And… to answer the question of the blurb: Team Unicorn!

© Rebekah Naomi Cox

[Gelesen] August 2010

Posted in Kommentare zum Gelesenen by sternenwanderer on August 31, 2010

Statistisches

Anzahl gelesener Bücher: 8
Anzahl gelesener Seiten: 1512 S.

Zuwachs Stapel ungelesener Bücher: 16
Zuwachs aus der Bibliothek: 0
Zuwachs an Geschenken/Gewinnen: 0

Lektüren im August 2010

Erich Hackl – Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen (Österreich)

Hackl sei, so Hans Christian Kosler in der Neuen Zürcher Zeitung vom 4.9.2004 ein „Grenzgänger zwischen Literatur und historischer Reportage par excellence“, der es schaffe die Realität mit der Literatur zu verzahnen bzw. zu verdichten. Er wähle für seine Porträts Freiheits- und Widerstandskämpfer, Verlierer und Außenseiter, Emigranten und Ikonen von politischen und humanistischen Bewegungen und schaffe damit eine Form „gutgläubiger Dokumentarliteratur mit Erinnerungspolitik“, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.07.2004.

Dieser Band ist eine Sammlung; eine Sammlung von Artikeln, Reportagen und Essays, publiziert und geschrieben für Zeitungen und Zeitschriften. U.a. werden Autoren wie Mauricio Rosencof („Die Briefe, die nie angekommen sind“, Residenz-Verlag, 1997) oder Hans Raimund („Trugschlüsse. Prosa“, Verlag Wieser, 1990) vorgestellt, sprachpolitische Fragen wie die Verwendung von Begriffen wie ‚Rasse‘ oder ‚Zigeuner ‚ diskutiert oder sehr private Schicksale wie das Problem der Familienzukunft nach dem zweiten Weltkrieg beschrieben und damit auch die Frage nach persönlicher Schuld und dem Versagen einer Zivilgesellschaft beleuchtet.

Die Texte sind von unterschiedlicher Qualität, erweisen sich als vergnüglich oder nachdenklich, wenig distanziert oder sehr persönlich. Stilistisch immer sehr dicht, sehr direkt, ohne Verschnörkelung oder poetische Aufladung. Ein typisches Hackl-Leseerlebnis: Immer wieder gerne.

Maarten’t Hart – Mozart und ich (Niederlande)

Lisa Schroeder – I Heart You, You Haunt Me (USA)

Der Roman sei „traurig und emotional“ (Holly), „eindrucksvoll“, „sehr emotional“ (Kari) und „schön“ sowie „bewegend“ (Katha). Die Versform, in der der Roman geschildert werde, erleichtere es dem Leser einen Zugang zu Avas Gefühlen (zu ihrer Trauer um ihren verstorbenen Freund und ihre erste große Liebe Jackson) und Gedanken zu finden, sie habe so großes Identifikationspotential.

Die Versform erwies sich meiner Ansicht nach als Problem: sie scheitert in dem Moment, wo Ava nicht die Figur ist, die reflektiert, sondern die zu Reflektierende (sei es durch ihre Freunde oder durch ihre Eltern). Der Text verliert – gerade innerhalb von Dialogen – an Ausdrucksstärke und an Fluss. Die Melodie, die Rhythmik, die durchaus im Kontakt mit Jackson oder aber in Avas Monologen entsteht, wirkt in den Dialogen hölzern, ohne Fluss, sehr stockend, zudem wirkt sich auch die Perspektive negativ aus, bleiben doch alle Figuren außer Ava sehr blass, wenig plastisch (was auch damit zusammenhängen mag, dass sie ihnen keinen Raum in ihrer Trauer einräumt.), nur Statisten ohne Eigenleben.

Die Beziehung zwischen Jackson und Ava wird dagegen sehr vielschichtig geschildert mit all ihren Schwierigkeiten, ihren Problemen, ihren schönen Seiten. Ein – trotz Kritik – nicht unangenehmes Leseerlebnis.

Agota Kristof – Die Analphabetin. Autobiographische Erzählung (Ungarn – Schweiz)

Die Erzählung sei, so Iris Radisch in der ZEIT vom 26.02.2006, ein „Bericht über die Einsamkeit, das Abschiednehmen und eine verlorene Kindheit, die sich fortsetzte in ein verlorenes Leben“. Sprachlich sei die Erzählung ein „Meisterwerk“ von „kompromisslosen Knappheit“, so Hans-Peter Kunisch in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2005); es sei ein „kleines Buch über eine große Sache“ feiert Hubert Spiegel die Erzählung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.08.2005.

Die Autorin berichtet in elf Kapiteln von elf Stationen des Lebens, die ausschlaggebend für ihre Entscheidung waren Schriftstellerin zu werden. Sie erzählt von dem Gefühl der Fremdheit, von totalitären Systemen und dem Problemen von Immigranten, beschreibt Gefühle und Gedanken zu Themen wie Heimat, Leben, Schreiben und Sprache. Die Erzählung, die eigentlich nur eine Ansammlung von autobiografischen Notizen bzw. Miniaturen darstelle, sei – und damit sei auch mein Problem erwähnt – als Erweiterung zu ihren „großartigen Romane (,die) sich selbst genügen“ (Christoph Schröder, Die Tageszeitung, 20.08.2005) zu lesen.
Weder kenne ich die „großen Romane“ (Irgendwo. Nouvelles, 2005; Das große Heft, 1987) noch überzeugt mich die stilistische Aufbereitung ihres Textes; die „eiskalte Klarheit“ (Christoph Schröder) ihres Erzählens wirkte auf mich distanziert, unmelodiös, geradezu statisch. Sie erlaubt sich kaum Emotionalität in ihren Beschreibungen, wo sich der Leser diese erwartet (Wenn sie von der Emigration spricht, z.B.). Ernüchternd wirken ihre Erläuterungen. Sie spielt nicht mit dieser „eiskalten Klarheit“, es scheint mir viel eher am fehlenden Wortmaterial und Wortmelodien zu liegen, daran, dass sie zwar in Französisch schreibt (und auch ihre Alltagssprache sein dürfte), aber offensichtlich nicht ihre Gefühls- und „Heimatsprache“ ist, es fehlt an Fluss, an Selbstverständlichkeit in der Wortwahl, an Melodie in ihrem Sprachduktus.

Elizabeth Scott – Love You Hate You Miss You (USA)

Das Buch erwies sich als Glücksgriff. Ich hatte es nur zwei Minuten in der Hand, wollte nur reinlesen und habe es dann innerhalb von sechs Stunden ausgelesen. Amy ist eine sehr ambivalente Figur, die ihre Umfeld, ihre Realität anfängt wahrzunehmen – ohne vom Alkohol oder ihrem Freundeskreis abgelenkt zu werden. Hass, Enttäuschung, Frustration, aber Lebensfreunde und Liebe, all diese Themenkreise lassen sich in diesem Roman finden. Der Stil wusste mitzureißen, die Beschreibungen und Metaphern sind einfach treffend und wissen auch eine feine Ironie auszudrücken: „All around us, the air smelled like burned rubber and cracked metal, and my cigarette still glowed as the world ended.“ oder „Mine [She speaks about her hair.] is short and the color red leaves are right before they rot.“

Ich zitiere hier noch etwas, dem ich mich ohne Umschweife anschließen möchte: „Elizabeth Scott has created an emotional roller coaster of a story of grief and loss with serious themes of death and substance abuse. Amy’s journey is believable as is her character. There were moments of weakness and there were moments of strength. Scott’s writing is sharp and clean making it clear as the story bounces between present and past. Also, her handling of Amy’s alcoholism is well done – the story never felt preachy. A wonderful, emotionally moving story.“ (LitMus)

Seher Çakır – Zitronenkuchen für die 56. Frau. Kurzgeschichten (Türkei – Österreich)

Die 113 Seiten haben sich sehr schnell lesen lassen, der Stil ist nicht anspruchsvoll, teilweise sehr salopp-schnoddrig. Nur zwei, vielleicht drei Texte wussten mich zu überzeugen, die restlichen haben bei mir keine Emotionen ausgelöst, weder hat mich der Inhalt noch die Aufbereitung von diesem angesprochen. Den Figuren fehlte teilweise ein emotionales Kostüm, sie wirkten austauschbar und es fiel sehr schwer zu ihnen einen emotionalen Bezug herzustellen. Und nein, es lag nicht allein an der Länge, offensichtlich fiel es der Autorin sehr schwer ihre Ideen und damit auch ihre Arbeiten zu strukturieren und auszugestalten. Das Spiel mit Klischees und deren Aufbruch (auch, wenn ich diesen nur selten beobachten konnte, aber das mag eine Frage dessen sein, was man als Klischee anerkennt) wurde stilistisch und thematisch auch nur selten überzeugend vorgetragen, bis hin zu Peinlichkeiten, die man als Humor verkaufen möchte. (So eine Kurzgeschichte, in der eine junge Frau einen traditionellen Weg wählt, Geschlchtsverkehr erst nach der Hochzeit durchzuführen und dann bei einem Frauenarzt erfährt, dass sie aus anatomischen Gründen kein Hymen zu verlieren habe, ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei einer solchen Entscheidung nicht um die Frage der sexuellen Entsagung geht, sondern um eine Frage von Tradition und konservativen Rollenvorstellungen)

Insgesamt nicht überzeugend.

Alessandro Baricco – Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten (Italien)

Ich möchte aus meiner Rezension zu „Ohne Blut“ zitieren: „Dieses Büchlein glänzt durch eine schöne, dennoch sehr einfache Sprache. Keine Verschachtlungen, wenig Stuckatur, wenig Zierendes. Die bloße Geschichte wird einem präsentiert, und obwohl nur wenig zu den Charakteren gesagt wird, so scheint es, weiß man doch mehr über sie, als einem wirklich lieb ist. […] Ein kurzes, schönes, nachdenklich – machendes Werk.“
Diese Zeilen passen auch zu „Novecento“, eine kleine Liebeserklärung an die Musik, an das Leben auf hoher See, an den Ozean. Klein, aber fein.

Régis de Sá Moreira – Das geheime Leben der Bücher (Brasilien – Frankreich)

Ein Buch, welches offensichtlich polarisiert. Auf der einen Seite: „zusammenhanglose Ideen, die ohne besonderen Plan zusammengefügt wurden“ (leselustfrust und „fehlte mir Hintergründiges, es plätscherte seicht vor sich hin“ (Lesemond). Auf der anderen: „eine Hommage an die Bücher und deren Wirkung!“ (Bücher4um) und „ein absolutes Wohlfühlbuch“ (Bücherzeit).

Vielleicht, weil dieses Buch nur Stichwörter bietet, Handlungsstränge aufgebaut und wieder verworfen werden, weil ein ganzes Figureninstrumentarium vorhanden, aber nur ein Protagonist in Interaktion mit all diesen erlebt wird; die Geschichte vermisst einen Aufbau, ein „konkretes Problem“ wird nicht beleuchtet, wie der Buchhändler sind wir förmlich auf der Suche nach einem Buch, in dem nichts passiert. Und doch, mich wusste dieses Szenarium anzusprechen – diese Figuren erinnerten mich an Bücher selbst, an Buchfiguren oder einfach nur Titel (die drei Damen – Ilias; der Reisende – Odyssee; der Mann, der so langsam spricht und Proust sucht – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“?). Auch das ist nur eine Idee. Auch, dass der Buchhändler keine Menschen trifft, sondern Lektüren (Bovarysmus also) ist auch eine Idee von mir.

Ein Lesehighlight, welches vielleicht mehr Fragen aufwirft, als man beantworten kann.

[Zitate] #1

Posted in Zitate by sternenwanderer on August 31, 2010

„Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir vor die Hände, vor die Augen kommt. Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist. Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.“

(Agota Kristof, Die Analphabetin. Piper, München, 2005)

[In my Mailbox] #2

Posted in In my Mailbox by sternenwanderer on August 29, 2010

Initiiert und durchgeführt durch und bei The Story Siren.

Alex Flinn – Beastly

„A beast. Not quite wolf or bear, gorilla or dog but a horrible new creature who walks upright—a creature with fangs and claws and hair springing from every pore. I am a monster.
You think I’m talking fairy tales? No way. The place is New York City. The time is now. It’s no deformity, no disease. And I’ll stay this way forever—ruined—unless I can break the spell.Yes, the spell, the one the witch in my English class cast on me. Why did she turn me into a beast who hides by day and prowls by night? I’ll tell you. I’ll tell you how I used to be Kyle Kingsbury, the guy you wished you were, with money, perfect looks, and the perfect life. And then, I’ll tell you how I became perfectly . . . beastly. (Source: HarperTeen)

I’m really looking forward reading this book, since I found positive reviews written by Holly and Stefanie Emmy. Besides I like modern fairytales and fairytale-interpretations .

Actually I would have preferred to read the original fairytale „The Beauty and the Beast“ by Jeanne-Marie Leprince de Beaumont (German Version) first, but the library doesn’t stock it.

Furthermore, I have to wait for September to get these two modern versions of the fairytale, too. The first one is written by Robin McKinley („Beauty. A Retelling of the Story of Beauty and the Beast“)and the second one by Cameron Dokey („Belle. A Retelling of „Beauty and the Beast“ (Once Upon a Time)“).

And despite that, the movie looks good, too!

~*~*~*~

Zudem traf eine Spontanbestellung bei mir ein, nachdem ich festgestellt habe, dass Joyce Carol Oates‘ „Du fehlst“ bei amazon.de für 4,99 Euro im Hardcover zu haben war. Auf meinem SUB befinden sich zwar schon einige Titel (Amerikanische Begierden [OT: American Appetites, 1989], Ich schließe mich selbst ein [OT: I Lock My Door Upon Myself, 1990], Niagara [OT: The Falls, 2004]), aber diesem Angebot konnte ich nicht wiederstehen und habe das Buch spontan gekauft.

Joyce Carol Oates – Du fehlst

Nikki Eaton, Anfang dreißig, unabhängig und eigenwillig, will endlich ihr schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter klären. Sie ist noch unterwegs, da wird diese Opfer eines Raubüberfalls. Wäre Nikki zehn Minuten eher bei ihrer Mutter eingetroffen, hätte sie deren Tod vielleicht noch verhindert. Bisher hatte sie ihre Mutter nur an Feiertagen besucht, immer auf der Hut vor deren Einmischung in ihr Leben. Nun trifft sie der Kummer um ihren Tod unerwartet und heftig.
Einfühlsam und spannend beschreibt Joyce Carol Oates das Spektrum der Veränderungen und verwirrenden Gefühle in Nikkis Trauerjahr: Lähmung, Wut, Sorge und auch Erkenntnis. Du fehlst ist ein erschütternder, intensiver Pageturner über Mütter und Töchter.
(Quelle: Fischer Taschenbuch-Verlag)

~*~*~*~

Meine Mutter hat mir zudem ein Buchpaket großzügig zusammengestellt. Drei Titel durfte ich mir aussuchen, diese sind es geworden:

Winkler, Andrea – Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe (Frau Winkler hat im Juni oder Juli im Robert-Musil-Institut in Klagenfurt gelesen, leider war ich an diesem Tag verhindert. Auf der Wunschliste geblieben, ist es dennoch, da ich mich für die (junge) österreichische Literatur interessiere. (Hier gibt es einen interessanten Einblick: Eva Jancak vom Literaturgeflüster | Rezension bei Ö1)

Köhlmeier, Michael – Madalyn (Schon beim Durchstöbern des Verlagsprospekts des Hanser-Verlages fiel mir der neue Roman Michael Köhlmeiers ins Auge. Endgültigen Anstoß gab dann die Rezension bei Leselustfrust)

Sá Moreira, Régis de – Das geheime Leben der Bücher (Vor einiger Zeit beim Durchstöbern von Amazon-Lieblingslisten habe ich es entdeckt, als ich eine Aufzählung mit dem Titel „Bücher über Bücher“ gefunden hatte. Und solche Bücher (mit dem Thema „Bücher“) landen bei mir meistens automatisch im Warenkorb bzw. vorübergehend auf die Wunschliste.)

[Briefe an die Außenwelt] „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“, oder: Dichter beschimpfen Dichter.

Posted in Briefe an die Außenwelt by sternenwanderer on August 26, 2010

In Gedanken an: leselustfrust, Anni Bürkl und Eva Jancak.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren, liebe Rezensentinnen und Rezensenten!

„Ich kannte die Freude am Lesen nicht, die Freude daran, Räume auszukundschaften, die sich einem in der Seele auftun, sich der Fantasie überlassen, der Schönheit und dem Geheimnis von Dichtung und Sprache.“ (Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes, Suhrkamp, 2008)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie sind auf der Suche nach dem guten Buch; sie suchen in Buchhandlungen, im Internet, in den Bibliotheken, in Schulen oder Universitäten. Sie suchen nicht danach, weil sie damit eine moralische Pflichterfüllung verbinden, auch nicht, um ihr Wissen kontinuierlich weiter zu entwickeln und genauso wenig, um eine To-Do-Liste abzuarbeiten. Lesen ist keine Form moralischer Notwendigkeit, Lesen ist keine Pflicht, es verbessert nicht unseren Charakter, es macht uns nicht zu unabhängigen Individuen oder treuen Staatsbürgern. Es macht uns nicht zu religiösen Menschen, nicht zu freien Menschen.

“Geschichten müssen erzählt werden, denn sonst sterben sie, und wenn sie sterben, versinkt mit ihnen unsere Erinnerung, wer wir sind und warum wir hier sind.” (Sue Monk Kidd, Die Bienenhüterin, btb-Verlag in der Verlagsgruppe Random House, April 2005)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie versuchen ein unterhaltsames, spannendes Buch zu schreiben; sie recherchieren, konstruieren, imaginieren. Sie bilden Charaktere, beschreiben Orte, erklären Gedanken und stellen Gefühle dar. Sie arbeiten vielleicht mit Storyboards, Clustern, Charakterbögen; sie schreiben oder tippen, sie schreiben um, löschen oder verwerfen. Warum? “Ein Dichter kann gar keinen anderen Anspruch haben, als: alles neu schreiben. Die Welt verändert, entwickelt sich. Und wir haben diese beiden Möglichkeiten: sie immer wieder neu zu inszenieren – oder sie immer wieder neu zu erschaffen.”, sagt Robert Menasse. „Schreiben ist ein Akt der Hoffnung.“, erklärt Isabelle Allende. „Erklärt man die Welt plausibel, so ändert man sie auf stille Art durch fortwirkende Vernunft. Ich glaube an gutbeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre.“, schreibt Lion Feuchtwanger.

Auch Autoren besitzen keine moralische Oberhoheit, sie haben keinen Anspruch auf Wahrheit und Fakten, ihre Chance eine Verkaufsniederlage zu erreichen, ist genauso hoch wie die auf einen -erfolg. Sie sind nicht mehr oder weniger gläubig, nicht weniger oder weniger charakterstark oder -schwach.

„Dieses Getue ums Schreiben, dieses Posieren, das Mystifizieren des kreativen Schreibprozesses widerstrebt mir. Ich lebe vom Schreiben und nicht davon, auf die Inspiration zu warten. Wenn ich an einem Roman sitze, schreibe ich jeden Tag. Das wirkt zwar diszipliniert, es aber nicht die Disziplin eines Schriftstellers, der von sich sagt: keinen Tag ohne eine Zeile. Schreiben macht Spaß.“ (Martin Suter im profil/ 3-2008)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie sind auf der Suche nach dem guten Buch; sie suchen in Buchhandlungen, im Internet, in den Bibliotheken, in Schulen oder Universitäten. Es soll in all seiner Faszination beschrieben werden, in all seinen Stärken und Schwächen.
Sie schreiben Rezensionen nicht, weil sie damit eine moralische Pflichterfüllung verbinden, auch nicht, um ihr Wissen kontinuierlich weiter zu entwickeln und genauso wenig, um eine To-Do-Liste abzuarbeiten. Rezensieren ist keine Form moralischer Notwendigkeit, Rezensieren ist keine Pflicht, es verbessert nicht unseren Charakter, es macht uns nicht zu unabhängigen Individuen oder treuen Staatsbürgern. Es macht uns nicht zu religiösen Menschen, nicht zu freien Menschen.

„O glücklich! Wer noch hoffen kann aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.“ (Johann Wolfgang Goethe, Faust, der Tragödie erster Teil, Reclam, 2004/2005)

Und doch: Sind wir nicht glücklich, wenn wir Empfehlungen bekommen? Egal, von welcher Seite?
Und doch: Sind wir nicht glücklich, wenn uns Menschen Auge in Auge gegenüber treten und frei und ohne Zwang sagen: „Hör Mal, lieber Herr oder Frau Autor, das wäre noch besser gegangen.“ oder „Ich bin begeistert!“
Und doch: Sind wir nicht zufrieden, wenn wir unserem Handwerk nachgegangen sind? Menschen zum Lesen zu bewegen? Menschen dazu zu bewegen, darüber nachzudenken wie sie lesen, warum sie lesen, was sie lesen? Findet ein Dialog zwischen zwei Menschen nicht immer auf gleicher Augenhöhe statt? Und ist es nicht das Recht und die „Pflicht“ eines Lesers Wünsche, Anregungen und Vorschläge zu formulieren, auch gefrustet, traurig oder glücklich über die Lektüre zu sein? Ist es nicht mein Recht und meine Pflicht als Autor mit Menschen auf Augenhöhe über meinen Text zu kommunizieren, zu hinterfragen, anzunehmen oder kritisieren? Und ist es nicht meine Pflicht Menschen zu inspirieren, ein Buch in die Hand zu nehmen, darüber zu schreiben, ihre Erfahrungen wiederzugeben?

Wie man sich bettet, so liest man
(oder die unantastbaren Rechte des Lesers)

1. Das Recht, nicht zu lesen
2. Das Recht, Seiten zu überspringen.
3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.
4. Das Recht, noch einmal zu lesen.
5. Das Recht, irgendwas zu lesen.
6. Das Recht auf Bovarysmus.
7. Das Recht, überall zu lesen.
8. Das Recht herumzuschmökern.
9. Das Recht, laut zu lesen.
10. Das Recht zu schweigen.
(aus: Pennac, Daniel: Wie ein Roman, Kiepenheuer & Witsch, 1992)

Ich wage einen Schritt und formuliere die gleichen Rechte für den Autor. Ich habe:

1. Das Recht zu schreiben.
2. Das Recht Seiten zu schreiben, zu streichen, zu überarbeiten.
3. Das Recht eine Geschichte nicht zu beenden und Ideen zu verwerfen.
4. Das Recht eine Idee zu entwickeln, zu verwenden, wiederzuverwenden, zu streichen.
5. Das Recht zu schreiben, zu entwerfen, zu imaginieren.
6. Das Recht die Wirklichkeit zu beschreiben, zu erklären, zu verändern oder zu ignorieren.
7. Das Recht, über alle Themen, Gefühle, Wünsche und Gedanken zu schreiben.
8. Das Recht über alle Themen und Gedanken kontrovers zu schreiben, sie einseitig oder zweidimensional, sie einfach oder schwer, ausgeschmückt oder schlicht zu beschreiben.
9. Das Recht meine Texte zu veröffentlichen, zu lesen oder aufzunehmen.
10. Das Recht nicht zu schreiben.

Ich wage einen weiteren Schritt und formuliere diese Rechte auch für Rezensenten. Ich habe:

1. Das Recht zu rezensieren.
2. Das Recht Bücher zu ignorieren.
3. Das Recht Bücher abzubrechen und zu rezensieren.
4. Das Recht Bücher wiederzubesprechen.
5. Das Recht jedes Buch zu rezensieren.
6. Das Recht meine Meinung zu formulieren und für wahr zu halten.
7. Das Recht in jedem Medium zu rezensieren.
8. Das Recht subjektiv, kritisch, fehleraufzeigend, verherrlichend Bücher zu rezensieren.
9. Das Recht meine Rezension öffentlich zugänglich zu machen.
10. Das Recht nicht zu rezensieren.

Ich schließe mit einem Zitat in diesen zitatreichen Beitrag:

„Ich glaube an die Literatur, (…), sonst hätte ich mein Leben verfehlt…“
(Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund, Deuticke, 2008)

[Waiting on Wednesday] #1

Posted in Waiting on Wednesday by sternenwanderer on August 24, 2010

Initiiert und durchgeführt von Breacking the Spine.

Malinda Lo – ASH

Originaltitel: Ash
Original-Verlag: Watts, März 2010

Verlag: Droemer/Knaur
Erscheinungstermin: 2.11.2010

Weitere Informationen: Homepage der Autorin | Blog der Autorin | Book-Trailer | PAN-Verlag | Kommentar bei Meg Cabot

Inhalt: Als Ashs Vater stirbt, zeigt die Stiefmutter ihr wahres Gesicht und beginnt, das Mädchen wie eine Sklavin zu behandeln. Wann immer Ash ihr entkommen kann, schleicht sie sich in die tiefen Wälder denn dort, so heißt es, suchen die betörend schönen Feenmänner nach Frauen, um sie als ihre Geliebten mit in ihr Reich zu nehmen. Obwohl dies ihren Tod bedeuten würde, erscheint es Ash doch besser zu sein als das trostlose Leben, zu dem sie verdammt ist. Doch dann ändert sich alles…

Seit der Rezension bei Philia Libri und ihre Verlinkung zur Reaktion Malinda Los über ihre Leser bei The Story Siren sowie ihre Antwort im Interview mit dem PAN-Verlag, die sie mir irgendwie sehr sympathisch macht und mich zum Lachen bringt, interessiere ich mich für dieses Buch und habe es – entgegen meiner Grundsätze – vorbestellt:

„Sei gütig zu deinen Mitmenschen und nimm den Fuß vom Gaspedal.“

[Kurioses] Nach Amazon-Art #1

Posted in Sammlung seltsamer Kleinigkeiten by sternenwanderer on August 24, 2010

Haben wir eine Zeitreise gemacht?

[In my Mailbox] #1

Posted in In my Mailbox by sternenwanderer on August 22, 2010

Initiiert und durchgeführt durch und bei The Story Siren, gefunden bei Holly und Stefanie Emmy.

Zwei amazon.de-Bestellungen sind bei mir eingetroffen, beide seit einiger Zeit schon auf meiner Wunschliste sich befindend, beide bereits innerhalb weniger Tage gelesen.

Lisa Schroeder – I Heart You, You Haunt Me
Girl meets boy.
Girl loses boy.
Girl gets boy back…
…sort of.

Ava can’t see him or touch him, unless she’s dreaming. She can’t hear hisvoice, except for the faint whispers in her mind. Most would think she’s crazy, but she knows he’s here.
Jackson. The boy Ava thought she’d spend the rest of her life with. He’s back from the dead, as proof that love truly knows no bounds. (entnommen: Simon & Schuster)

Und:

Elizabeth Scott -Love You Hate You Miss You

It’s been seventy-five days, and Amy still doesn’t know how she can possibly exist without her best friend, Julia—especially since it’s her fault that Julia’s dead. When her shrink tells her it would be a good idea to start a diary, Amy starts writing letters to Julia instead. But as she writes letter after letter, she begins to realize that the past wasn’t as perfect as she thought it was—and the present deserves a chance, too. (entnommen: Harper Teen)

Das Buch erwies sich als Glücksgriff; eigentlich nur ausgewählt, weil es eine Young-Adult-Novel ist, daher sprachlich weniger anspruchsvoll (Ich gestehe, ich war voreingenommen.) und die Inhaltsangabe mich auch angesprochen hat. Ich hatte es nur zwei Minuten in der Hand, wollte mich reinlesen und habe es dann innerhalb von sechs Stunden ausgelesen. Amy ist eine sehr ambivalente Figur, die ihre Umfeld, ihre Realität anfängt wahrzunehmen – ohne vom Alkohol oder ihrem Freundeskreis abgelenkt zu werden. Hass, Enttäuschung, Frustration, aber Lebensfreunde und Liebe, all das lässt sich in diesem Roman finden; der Stil wusste mich so mitzureißen, die Beschreibungen und Metaphern sind einfach treffend und wissen auch eine feine Ironie auszudrücken: „All around us, the air smelled like burned rubber and cracked metal, and my cigarette still glowed as the world ended.“ oder „Mine [She speaks about her hair.] is short and the color red leaves are right before they rot.“

~*~*~

Des weiteren wäre eine direkte Verlagsbestellung zu vermelden: Im Jahr 2009 hatte ich mit großem Vergnügen Julya Rabinovichs „spaltkopf“ gelesen (Rezension bei Leselustfrust, der ich mich ausnahmslos anschließen kann.) und damit als neuen Verlag die Edition Exil getestet (Vereinsseite).
Demletzt habe ich mich durch die Autorenliste gelesen und dabei fiel mir dieses Buch (Seher Çakır – Zitronenkuchen für die 56. Frau. Kurzgeschichten) ins Auge, was mich (allein der Titel macht neugierig) vor allem von der inhaltlichen Vorstellung her sehr überzeugt hat.

Die 113 Seiten haben sich sehr schnell lesen lassen, der Stil ist nicht anspruchsvoll, teilweise sehr salopp-schnoddrig. Nur zwei, vielleicht drei Texte wussten mich zu überzeugen, die restlichen haben bei mir keine Emotionen ausgelöst, weder hat mich der Inhalt noch die Aufbereitung von diesem angesprochen. Den Figuren fehlte teilweise ein emotionales Kostüm, sie wirkten austauschbar und es fiel sehr schwer zu ihnen einen emotionalen Bezug herzustellen. Und nein, es lag nicht allein an der Länge, offensichtlich fiel es der Autorin sehr schwer ihre Ideen und damit auch ihre Arbeiten zu strukturieren und auszugestalten. Das Spiel mit Klischees und deren Aufbruch (auch, wenn ich diesen nur selten beobachten konnte, aber das mag eine Frage dessen sein, was man als Klischee anerkennt) wurde stilistisch und thematisch auch nur selten überzeugend vorgetragen, bis hin zu Peinlichkeiten, die man als Humor verkaufen möchte (So eine Kurzgeschichte, in der eine junge Frau einen traditionellen Weg wählt, Geschlchtsverkehr erst nach der Hochzeit durchzuführen und dann bei einem Frauenarzt erfährt, dass sie aus anatomischen Gründen kein Hymen zu verlieren habe, ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei einer solchen Entscheidung nicht um die Frage der sexuellen Entsagung geht, sondern um eine Frage von Tradition und konservativen Rollenvorstellungen).

~*~*~

Am Freitag habe ich dann einen Stadtbummel unternommen und kam beim Thalia vorbei – der einen Mängel-Exemplar-Tisch aufgestellt hatte, wo ich sehr fündig geworden bin.

Agota Kristof – Die Analphabetin. Autobiographische Erzählung (2004/2005)
Nach einer positiven Besprechung von „Irgendwo. Nouvelles“ (OT: C’est égal, 2005) bei den Büchereulen befanden sich einige Bücher der Autorin auf meiner Wunschliste. Nur 75 Seiten lang, Schriftgröße 14, innerhalb von 1 1/2 Stunden ausgelesen und ich muss sagen: Es hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Viele Rezensenten heben die Tatsache hervor, dass die ungarisch-schweizerische Autorin es auf so wenigen Seiten schafft, eine Lebensbeschreibung abzugeben, sie selbst betont nur Lebensstationen zu beschreiben, nicht mehr und nicht weniger. Stilistisch keine Neuentdeckung, kühl-distanziert, sehr sachlich.

Alessandro Baricco – Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten (1994/1999)

Über „Ohne Blut“ (OT: Senza Sangue, 2002) des gleichen Autors habe ich damals folgendes notiert: „Dieses Büchlein glänzt durch eine schöne, dennoch sehr einfache Sprache. Keine Verschachtlungen, wenig Stuckatur, wenig Zierendes. Die bloße Geschichte wird einem präsentiert, und obwohl nur wenig zu den Charakteren gesagt wird, so scheint es, weiß man doch mehr über sie, als einem wirklich lieb ist.“ (Rezension) – Danach geriet der Autor ein wenig in den Hintegrund, wurde aber nicht vergessen. Dieses Büchlein habe ich dann für 1,50 Euro erwerben können und es wartet darauf gelesen zu werden.)

Elia Barceló – Das Rätsel der Masken (2004/2006)

Seitdem ich einmal über die Piper-Homepage gesurft bin (eigentlich auf der Suche nach spannenden Biografien…), befindet sich das Buch der spanischen Autorin (OT: Disfraces terribles) auf meiner Wunschliste.

J. R. Moehringer – Tender Bar (2005/2007)

In der BÜCHER-Ausgabe 02/2007 bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden und seitdem steht es auf der Wunschliste. Zwischendurch ist zwar die Taschenbuchausgabe erschienen, auch einige sehr positive Besprechungen (Literaturwelt | Literaturzeitschrift), nur der letzte Kaufanreiz fehlte. Jetzt wanderte es einfach mit und liegt auf meinem Nachttisch bereit.)

Mark Dunn – Nollops Vermächtnis (2001/2004)

Dieses Buch (OT: Ella Minnow Pea) ist vor Jahren in einem Forenposting zum Thema „Bücher über Bücher, Bücher über die Sprache“ vorgestellt worden und wanderte auf die Wunschliste, mit dem traurigen Ergebnis, dass es seit letztem Jahr als vergriffen bei amazon.de (Link – Was seltsamerweise nur auf die Taschenbuchausgabe zuzutreffen scheint, die Hardcover-Ausgabe befindet sich nach wie vor im Sortiment… (Link)) geführt wird. Und dann habe ich es, voller Freude auf eben jenem Tisch wiedergefunden. Die ersten zwei Kapitel bzw. Briefe habe ich gelesen und frage mich jetzt bereits, wie man dieses Buch ohne Probleme hat übersetzen können. Wirklich eine Glanzleistung!

Lingyuan Luo – Nachtschwimmen im Rhein. Erzählungen (2008)

Nachdem ich im Jahr 2008 Xiaolu Guos „Kleines Wörterbuch für Liebende“ gelesen hatte, wanderten so einige chinesische Autorinnen und Autoren zum Testen auf meine Wunschliste, u.a. auch diese Autorin bzw. dieses Buch, nachdem ich dafür einen Werbebanner auf der dtv-Seite gesehen hatte.

[Rezensionen] Maarten’t Hart – Mozart und ich

Posted in Rezensionen by sternenwanderer on August 20, 2010

© Piper Verlag GmbH – Umschlaggestaltung und Konzeption: R-M-, Roland Eschlback und Kornelia Bunkofer

Originaltitel: Mozart en de anderen (De Arbeiderspers, Amsterdam 2006)
Übersetzung: Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Verlag: Piper, München 2006

ISBN-10: 3492250580
ISBN-13: 978-3492250580

Besonderheit: Zusätzlich liegt dem Buch eine Audio-CD, zusammengestellt mit Titeln von Maarten’t Hart.

„Aber alles finden Sie in seiner Musik, Sie müssen nur genau hineinhören.“ (Rolando Villazón über Mozart)[1]

Komparatistisch versucht sich Maarten’t Hart dem Phänomen „Mozart“ anzunähern sei „sehr wohl der größte Komponist aller Zeiten“[2] und könne in einer Reihe mit Franz Schubert (1797-1828), Ludwig van Beethoven (1770-1827) oder Robert Schumann (1810-1858) genannt werden.n. Ziel seiner Publikation ist es, so Hart, die Genialität und das Talent des so früh verstorbenen 35-jährigen Komponisten und Menschen nachzuweisen, ungeachtet der Tatsache, dass eine Ehrenrettung dieser Art weder notwendig ist und in seiner Art der Bearbeitung angemessen scheint.

Wer hat die Frage nach der Genialität gestellt? Wer die Frage nach dem Talent?
Die Schwierigkeit seiner Argumentation zu folgen, besteht nicht nur darin, Talent als eine messbare Größe zu beschreiben oder aber gar Genialität methodisch nachzuweisen, sondern auch darin, dass Hart seine Antwort an keinen bestimmten Adressaten richtet. Unklar bleibt, welche Zielgruppe er anspricht. Der Mozart-Interessierte, ohne Vorkenntnisse oder mit Halbwissen, wird genauso wenig angesprochen wie derjenige, der sein Wissen nur mehr erweitern oder aber sich vom Faktenwissen unterhalten lassen will. Für ersteren wirkt die Auseinandersetzung mit Taktarten und Tonarten ohne Zusammenhang, trocken, zäh und sehr beliebig (Warum gerade z.B. die Variationen ein Thema sind oder aber die, nach Harts Ansicht, „langsamen Einleitungen“ wird dem Leser genauso wenig deutlich, wie die Gliederung des Buches an sich [3] Zudem erklärt Hart wenig, er definiert nichts.
Für denjenigen allerdings, der sein Wissen nur mehr erweitern will oder aber musikwissenschaftlich tätig ist, entbehren die Diskussionen oder aber Schlussfolgerungen jede Grundlage bzw. fehlt der Conclusio jede Beweisbarkeit. Als Beispiel sei hier folgendes erwähnt: 2005 entdeckte man ein, bisher unbekanntes en-face-Gemälde Mozarts (es sollte sich als eine Darstellung von Georg Edlinger erweisen, die „with an error probability of well below one in 10,000,000.“ [4] den in die Jahre gekommenen Mozart darstellen sollte) in der Berliner Gemäldegalerie. Hart argumentiert, dass Bild habe große Ähnlichkeit mit anderen Mozart-Darstellungen, zudem trage der Abgebildete schöne Kleidung, eine Sache, auf die Mozart immer wert gelegt habe. Ungeachtet von Vergleicharbeiten mit eher unbekannteren Mozart-Darstellungen italienischer Kuratoren oder aber differenzierter biometrischer Beweise, ist Harts einziger Beleg der, der Kleidung. Ein unhaltbares Argument, ist doch Kleidung eine Frage des Zeitgeschmacks und von Trends, Mozart wird nicht der einzige Mensch gewesen sein, der einen grünen Rock bzw. eine Perücke getragen hat.

Hart geht ohne qualitativ gute Methode an Vergleiche heran; er verwendet dafür Seitenangaben einschlägiger Lexika bzw. Handbücher, hat dabei aber ungenannt belassen, ob es sich dabei um eine Sammelbiografie handelt (also mehrere Autoren an dieser beteiligt sind) oder aber um eine Monografie (die nur selten von mehr, als einem Autor geschrieben wurde). Es ist von Interesse für die Beweisbarkeit eines Sachverhaltes dieser Art – vor allem die Frage nach der Größe und wenn man diese anhand von Seitenzahlen beweisen will (was mir als ungeeignete Methode erscheint) – welche Schwerpunkte der Autor gesetzt hat, ob er sich (wie auch im Fall von „Mozart und ich“) nur um Klassiker oder Klischees der biografischen Forschung handelt bzw. wie hoch – ein Faktum, was Hart weder beachtet noch benennt – überhaupt der Kenntnisstand zum Leben und Wirken mancher Komponisten ist.

Nicht nur die Argumentationen erweisen sich als negativ, auch die Ausgestaltung in der Stilistik weist Mängel auf. Wiederholungen, wie die Tatsache, er habe von Mozart vor allem „die [Kompositionen gehört, die] der katholische Rundfunk am Samstagabend brachte“ [5], wirken redundant.
Die Texte haben den Charme eines Schulaufsatzes – zu viele Füllwörter (daher, des weiteren, sicherlich, tatsächlich) und ein schnoddiger, flappsiger Tonfall, was geschwätzig wirkt und undifferenziert. Die im Werk sich befindenden positiven Meinungsbekundungen werden nur mit Superlativen beschrieben („gehört zu den schönsten, die er je komponiert hat“, „wunderschön“, „prächtig“, „Krone der Genialität“, „Höhepunkt seiner Komposition“) und – für mich etwas ärgerliches – Kritik nur in Form von Ressentiments (vor allem gegen Popmusik, die er als „barbarische Gewalt“ [6] bezeichnet) oder aber Beleidigungen („Dieser … hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Er redet einfach was daher.“ [7]) hervorgebracht. Es entsteht der Eindruck einseitiger Verherrlichung, was dem Zugang zum Text enorm erschwert.

Fazit:

„Komponieren ist nämlich sehr viel schwieriger als zeichnen oder schreiben.“ [8] schreibt Hart in der Einleitung des Buches; diese Aussage ist im Anbetracht seiner Arbeit absolut zutreffend.
Er vergeht sich in Allgemeinplätzen, beschreibt nur Klischees und Klassiker der biografischen Forschung, so dass der Erkenntnisgewinn gering ist. Der flapsige Stil des Textes nimmt der Thematik zwar die Ernsthaftigkeit und lädt auch zu einer außerwissenschaftlichen Betrachtung ein, aber dennoch fühlt sich der Leser abgestoßen von der einseitigen Verherrlichung und den Ressentiments, nicht zuletzt gegen Popmusik oder aber Zeitgenossen Mozarts, die er als Stümper und Pfuscher bezeichnet. Eine große Enttäuschung. Ich empfehle für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen oder Komponisten Mozarts nicht nur ein Blick in einschlägige Biografien (Martin Geck: Mozart. Eine Biographie; Georg Nikolaus Nissen und Rudolph Angermüller: Biographie W. A. Mozarts; Dorothea Leonhart: Mozart: Eine Biographie), sondern auch zu dem, was ihn besonders gemacht hat: seine Musik.

[1] Rolando Villazón über Mozart, Kleine Zeitung, 16.08.2010
[2] Maarten’t Hart: Mozart und ich, Piper, München 2006, S.18
[3] Gliederung des Buches: Das Loch; Der große Unbekannte; Der lange Weg zu Mozart; Der Dä,pfer am Klavier; Mozart auf der Bühne; Mozart, das jüngste Kind; Ein kleiner großer Mann; Mozart und die Tonarten; Die früheren Werke; Treffsichere Schlichtheit; Mozart und mein „Köchelwecker“; Die langsamen Einleitungen; Die Variationen; Mozart für Anfänger; Mozart und der Glaube; Die Symphonien; Sein vater, sein Gott; Mozarts Tod
[4] Dieter David Scholz – Eins zu Zehnmillionen
[5] Maarten’t Hart: Mozart und ich, Piper, München 2006, S.18, 19, 23, 26, 32,…
[6] Maarten’t Hart, S.183
[7] Maarten’t Hart, S.91
[8] Maarten’t Hart, S.18

Andere Meinungen

Online-Musik-Magazin (omm)
Rezensionsnotiz bei perlentaucher.de
Gerhard R. Koch, 23.06.2006, FAZ

[Challenge] (Groß-)Stadt

Posted in Challenges by sternenwanderer on August 19, 2010

Vorgeschlagen von: Ivi

Termin: 5. Oktober 2010 – 4. April 2011

Anlass: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es viele Leute gibt wie ich, die für ihr Leben gerne reisen und am liebsten jede einzelne Stadt der Welt besuchen würden. Da dies leider nicht immer möglich ist, kam mir die Idee für eine kleine Challenge. Wenn wir schon nicht in sämtliche Städte die uns reizen reisen können, können wir wenigstens mit Hilfe eines Buches in sie hinein schlüpfen und ein wenig Zeit darin verbringen.“

Ziel Die Challenge umfasst zehn Stationen, von denen mindestens fünf erfüllt werden müssen. Die Stationen sind:

1. New York
2. Berlin
3. London
4. Venedig
5. Barcelona
6. Rom
7. Paris
8. Prag
9. Tokio
10. Istanbul

Regeln:

1. Mindestens 5 der 10 Stationen müssen mit mindestens einem Buch und maximal drei Büchern abgedeckt werden.

2. Es ist nicht notwendig, sich an irgendeine Reihenfolge zu halten

3. Jeder der möchte, kann an dieser Challenge Teil nehmen. Für all diejenigen, die einen Blog oder eine Homepage besitzen: Es wäre schön, wenn ihr dort von dem Verlauf der Challenge berichten könntet.

4. Nachdem die Challenge gestartet ist, werde ich eine Liste mit allen Teilnehmern inklusive Verlinkung auf die entsprechenden Blogs/Homepages veröffentlichen.

5. Es muss für jedes gelesene Buch eine Rezension verfasst werden. Dies gilt allerdings nur für diejenigen, die einen Blog oder eine Homepage besitzen.

6. Die Bücher müssen/sollen alle innerhalb des angegebenen Zeitraums gelesen werden.

7. Wenn ihr euch dazu entscheidet, an der Challenge teilzunehmen, postet doch bitte einen Link zu eurer entsprechenden Liste in der Kommentarfunktion auf der entsprechenden Seite.

Anmeldung: Via E-Mail an Ivi (best_of_books@yahoo.de)

Meine persönliche Liste

New York

Colum McCann – Der Himmel unter der Stadt (1998)

Berlin

Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen (1932)

London

Venedig

Daniel Zaho – Die Geliebte des Gelatiere (2009)

Barcelona

Eduardo Mendoza – Die Stadt der Wunder (1986)
Maria Barbal – Emma (2009)

Rom

Paris

Raymond Queneau – Zazie in der Metro (1959)
Patrick Süskind – Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders (1985)

Prag

Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984)
Michael Viewegh – Völkerball (2005)

Tokio

Peter Carey – Wrong about Japan. Eine Tokyoreise (2005)
Gail Tsukiyama – Die Straße der tausend Blüten (2008)

Istanbul

Perihan Magden – Zwei Mädchen. Istanbul-Story (2008)
Leyla Erbil – Eine seltsame Frau (1971)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.