Im Labyrinth der Buchstaben – Mein Leben als Leserin

[Briefe an die Außenwelt] „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“, oder: Dichter beschimpfen Dichter.

Posted in Briefe an die Außenwelt by sternenwanderer on August 26, 2010

In Gedanken an: leselustfrust, Anni Bürkl und Eva Jancak.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren, liebe Rezensentinnen und Rezensenten!

„Ich kannte die Freude am Lesen nicht, die Freude daran, Räume auszukundschaften, die sich einem in der Seele auftun, sich der Fantasie überlassen, der Schönheit und dem Geheimnis von Dichtung und Sprache.“ (Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes, Suhrkamp, 2008)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie sind auf der Suche nach dem guten Buch; sie suchen in Buchhandlungen, im Internet, in den Bibliotheken, in Schulen oder Universitäten. Sie suchen nicht danach, weil sie damit eine moralische Pflichterfüllung verbinden, auch nicht, um ihr Wissen kontinuierlich weiter zu entwickeln und genauso wenig, um eine To-Do-Liste abzuarbeiten. Lesen ist keine Form moralischer Notwendigkeit, Lesen ist keine Pflicht, es verbessert nicht unseren Charakter, es macht uns nicht zu unabhängigen Individuen oder treuen Staatsbürgern. Es macht uns nicht zu religiösen Menschen, nicht zu freien Menschen.

“Geschichten müssen erzählt werden, denn sonst sterben sie, und wenn sie sterben, versinkt mit ihnen unsere Erinnerung, wer wir sind und warum wir hier sind.” (Sue Monk Kidd, Die Bienenhüterin, btb-Verlag in der Verlagsgruppe Random House, April 2005)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie versuchen ein unterhaltsames, spannendes Buch zu schreiben; sie recherchieren, konstruieren, imaginieren. Sie bilden Charaktere, beschreiben Orte, erklären Gedanken und stellen Gefühle dar. Sie arbeiten vielleicht mit Storyboards, Clustern, Charakterbögen; sie schreiben oder tippen, sie schreiben um, löschen oder verwerfen. Warum? “Ein Dichter kann gar keinen anderen Anspruch haben, als: alles neu schreiben. Die Welt verändert, entwickelt sich. Und wir haben diese beiden Möglichkeiten: sie immer wieder neu zu inszenieren – oder sie immer wieder neu zu erschaffen.”, sagt Robert Menasse. „Schreiben ist ein Akt der Hoffnung.“, erklärt Isabelle Allende. „Erklärt man die Welt plausibel, so ändert man sie auf stille Art durch fortwirkende Vernunft. Ich glaube an gutbeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre.“, schreibt Lion Feuchtwanger.

Auch Autoren besitzen keine moralische Oberhoheit, sie haben keinen Anspruch auf Wahrheit und Fakten, ihre Chance eine Verkaufsniederlage zu erreichen, ist genauso hoch wie die auf einen -erfolg. Sie sind nicht mehr oder weniger gläubig, nicht weniger oder weniger charakterstark oder -schwach.

„Dieses Getue ums Schreiben, dieses Posieren, das Mystifizieren des kreativen Schreibprozesses widerstrebt mir. Ich lebe vom Schreiben und nicht davon, auf die Inspiration zu warten. Wenn ich an einem Roman sitze, schreibe ich jeden Tag. Das wirkt zwar diszipliniert, es aber nicht die Disziplin eines Schriftstellers, der von sich sagt: keinen Tag ohne eine Zeile. Schreiben macht Spaß.“ (Martin Suter im profil/ 3-2008)

Es gibt sie, diese Menschen. Sie sind auf der Suche nach dem guten Buch; sie suchen in Buchhandlungen, im Internet, in den Bibliotheken, in Schulen oder Universitäten. Es soll in all seiner Faszination beschrieben werden, in all seinen Stärken und Schwächen.
Sie schreiben Rezensionen nicht, weil sie damit eine moralische Pflichterfüllung verbinden, auch nicht, um ihr Wissen kontinuierlich weiter zu entwickeln und genauso wenig, um eine To-Do-Liste abzuarbeiten. Rezensieren ist keine Form moralischer Notwendigkeit, Rezensieren ist keine Pflicht, es verbessert nicht unseren Charakter, es macht uns nicht zu unabhängigen Individuen oder treuen Staatsbürgern. Es macht uns nicht zu religiösen Menschen, nicht zu freien Menschen.

„O glücklich! Wer noch hoffen kann aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.“ (Johann Wolfgang Goethe, Faust, der Tragödie erster Teil, Reclam, 2004/2005)

Und doch: Sind wir nicht glücklich, wenn wir Empfehlungen bekommen? Egal, von welcher Seite?
Und doch: Sind wir nicht glücklich, wenn uns Menschen Auge in Auge gegenüber treten und frei und ohne Zwang sagen: „Hör Mal, lieber Herr oder Frau Autor, das wäre noch besser gegangen.“ oder „Ich bin begeistert!“
Und doch: Sind wir nicht zufrieden, wenn wir unserem Handwerk nachgegangen sind? Menschen zum Lesen zu bewegen? Menschen dazu zu bewegen, darüber nachzudenken wie sie lesen, warum sie lesen, was sie lesen? Findet ein Dialog zwischen zwei Menschen nicht immer auf gleicher Augenhöhe statt? Und ist es nicht das Recht und die „Pflicht“ eines Lesers Wünsche, Anregungen und Vorschläge zu formulieren, auch gefrustet, traurig oder glücklich über die Lektüre zu sein? Ist es nicht mein Recht und meine Pflicht als Autor mit Menschen auf Augenhöhe über meinen Text zu kommunizieren, zu hinterfragen, anzunehmen oder kritisieren? Und ist es nicht meine Pflicht Menschen zu inspirieren, ein Buch in die Hand zu nehmen, darüber zu schreiben, ihre Erfahrungen wiederzugeben?

Wie man sich bettet, so liest man
(oder die unantastbaren Rechte des Lesers)

1. Das Recht, nicht zu lesen
2. Das Recht, Seiten zu überspringen.
3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.
4. Das Recht, noch einmal zu lesen.
5. Das Recht, irgendwas zu lesen.
6. Das Recht auf Bovarysmus.
7. Das Recht, überall zu lesen.
8. Das Recht herumzuschmökern.
9. Das Recht, laut zu lesen.
10. Das Recht zu schweigen.
(aus: Pennac, Daniel: Wie ein Roman, Kiepenheuer & Witsch, 1992)

Ich wage einen Schritt und formuliere die gleichen Rechte für den Autor. Ich habe:

1. Das Recht zu schreiben.
2. Das Recht Seiten zu schreiben, zu streichen, zu überarbeiten.
3. Das Recht eine Geschichte nicht zu beenden und Ideen zu verwerfen.
4. Das Recht eine Idee zu entwickeln, zu verwenden, wiederzuverwenden, zu streichen.
5. Das Recht zu schreiben, zu entwerfen, zu imaginieren.
6. Das Recht die Wirklichkeit zu beschreiben, zu erklären, zu verändern oder zu ignorieren.
7. Das Recht, über alle Themen, Gefühle, Wünsche und Gedanken zu schreiben.
8. Das Recht über alle Themen und Gedanken kontrovers zu schreiben, sie einseitig oder zweidimensional, sie einfach oder schwer, ausgeschmückt oder schlicht zu beschreiben.
9. Das Recht meine Texte zu veröffentlichen, zu lesen oder aufzunehmen.
10. Das Recht nicht zu schreiben.

Ich wage einen weiteren Schritt und formuliere diese Rechte auch für Rezensenten. Ich habe:

1. Das Recht zu rezensieren.
2. Das Recht Bücher zu ignorieren.
3. Das Recht Bücher abzubrechen und zu rezensieren.
4. Das Recht Bücher wiederzubesprechen.
5. Das Recht jedes Buch zu rezensieren.
6. Das Recht meine Meinung zu formulieren und für wahr zu halten.
7. Das Recht in jedem Medium zu rezensieren.
8. Das Recht subjektiv, kritisch, fehleraufzeigend, verherrlichend Bücher zu rezensieren.
9. Das Recht meine Rezension öffentlich zugänglich zu machen.
10. Das Recht nicht zu rezensieren.

Ich schließe mit einem Zitat in diesen zitatreichen Beitrag:

„Ich glaube an die Literatur, (…), sonst hätte ich mein Leben verfehlt…“
(Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund, Deuticke, 2008)

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