Im Labyrinth der Buchstaben – Mein Leben als Leserin

[Gelesen] August 2010

Posted in Kommentare zum Gelesenen by sternenwanderer on August 31, 2010

Statistisches

Anzahl gelesener Bücher: 8
Anzahl gelesener Seiten: 1512 S.

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Lektüren im August 2010

Erich Hackl – Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen (Österreich)

Hackl sei, so Hans Christian Kosler in der Neuen Zürcher Zeitung vom 4.9.2004 ein „Grenzgänger zwischen Literatur und historischer Reportage par excellence“, der es schaffe die Realität mit der Literatur zu verzahnen bzw. zu verdichten. Er wähle für seine Porträts Freiheits- und Widerstandskämpfer, Verlierer und Außenseiter, Emigranten und Ikonen von politischen und humanistischen Bewegungen und schaffe damit eine Form „gutgläubiger Dokumentarliteratur mit Erinnerungspolitik“, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.07.2004.

Dieser Band ist eine Sammlung; eine Sammlung von Artikeln, Reportagen und Essays, publiziert und geschrieben für Zeitungen und Zeitschriften. U.a. werden Autoren wie Mauricio Rosencof („Die Briefe, die nie angekommen sind“, Residenz-Verlag, 1997) oder Hans Raimund („Trugschlüsse. Prosa“, Verlag Wieser, 1990) vorgestellt, sprachpolitische Fragen wie die Verwendung von Begriffen wie ‚Rasse‘ oder ‚Zigeuner ‚ diskutiert oder sehr private Schicksale wie das Problem der Familienzukunft nach dem zweiten Weltkrieg beschrieben und damit auch die Frage nach persönlicher Schuld und dem Versagen einer Zivilgesellschaft beleuchtet.

Die Texte sind von unterschiedlicher Qualität, erweisen sich als vergnüglich oder nachdenklich, wenig distanziert oder sehr persönlich. Stilistisch immer sehr dicht, sehr direkt, ohne Verschnörkelung oder poetische Aufladung. Ein typisches Hackl-Leseerlebnis: Immer wieder gerne.

Maarten’t Hart – Mozart und ich (Niederlande)

Lisa Schroeder – I Heart You, You Haunt Me (USA)

Der Roman sei „traurig und emotional“ (Holly), „eindrucksvoll“, „sehr emotional“ (Kari) und „schön“ sowie „bewegend“ (Katha). Die Versform, in der der Roman geschildert werde, erleichtere es dem Leser einen Zugang zu Avas Gefühlen (zu ihrer Trauer um ihren verstorbenen Freund und ihre erste große Liebe Jackson) und Gedanken zu finden, sie habe so großes Identifikationspotential.

Die Versform erwies sich meiner Ansicht nach als Problem: sie scheitert in dem Moment, wo Ava nicht die Figur ist, die reflektiert, sondern die zu Reflektierende (sei es durch ihre Freunde oder durch ihre Eltern). Der Text verliert – gerade innerhalb von Dialogen – an Ausdrucksstärke und an Fluss. Die Melodie, die Rhythmik, die durchaus im Kontakt mit Jackson oder aber in Avas Monologen entsteht, wirkt in den Dialogen hölzern, ohne Fluss, sehr stockend, zudem wirkt sich auch die Perspektive negativ aus, bleiben doch alle Figuren außer Ava sehr blass, wenig plastisch (was auch damit zusammenhängen mag, dass sie ihnen keinen Raum in ihrer Trauer einräumt.), nur Statisten ohne Eigenleben.

Die Beziehung zwischen Jackson und Ava wird dagegen sehr vielschichtig geschildert mit all ihren Schwierigkeiten, ihren Problemen, ihren schönen Seiten. Ein – trotz Kritik – nicht unangenehmes Leseerlebnis.

Agota Kristof – Die Analphabetin. Autobiographische Erzählung (Ungarn – Schweiz)

Die Erzählung sei, so Iris Radisch in der ZEIT vom 26.02.2006, ein „Bericht über die Einsamkeit, das Abschiednehmen und eine verlorene Kindheit, die sich fortsetzte in ein verlorenes Leben“. Sprachlich sei die Erzählung ein „Meisterwerk“ von „kompromisslosen Knappheit“, so Hans-Peter Kunisch in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2005); es sei ein „kleines Buch über eine große Sache“ feiert Hubert Spiegel die Erzählung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.08.2005.

Die Autorin berichtet in elf Kapiteln von elf Stationen des Lebens, die ausschlaggebend für ihre Entscheidung waren Schriftstellerin zu werden. Sie erzählt von dem Gefühl der Fremdheit, von totalitären Systemen und dem Problemen von Immigranten, beschreibt Gefühle und Gedanken zu Themen wie Heimat, Leben, Schreiben und Sprache. Die Erzählung, die eigentlich nur eine Ansammlung von autobiografischen Notizen bzw. Miniaturen darstelle, sei – und damit sei auch mein Problem erwähnt – als Erweiterung zu ihren „großartigen Romane (,die) sich selbst genügen“ (Christoph Schröder, Die Tageszeitung, 20.08.2005) zu lesen.
Weder kenne ich die „großen Romane“ (Irgendwo. Nouvelles, 2005; Das große Heft, 1987) noch überzeugt mich die stilistische Aufbereitung ihres Textes; die „eiskalte Klarheit“ (Christoph Schröder) ihres Erzählens wirkte auf mich distanziert, unmelodiös, geradezu statisch. Sie erlaubt sich kaum Emotionalität in ihren Beschreibungen, wo sich der Leser diese erwartet (Wenn sie von der Emigration spricht, z.B.). Ernüchternd wirken ihre Erläuterungen. Sie spielt nicht mit dieser „eiskalten Klarheit“, es scheint mir viel eher am fehlenden Wortmaterial und Wortmelodien zu liegen, daran, dass sie zwar in Französisch schreibt (und auch ihre Alltagssprache sein dürfte), aber offensichtlich nicht ihre Gefühls- und „Heimatsprache“ ist, es fehlt an Fluss, an Selbstverständlichkeit in der Wortwahl, an Melodie in ihrem Sprachduktus.

Elizabeth Scott – Love You Hate You Miss You (USA)

Das Buch erwies sich als Glücksgriff. Ich hatte es nur zwei Minuten in der Hand, wollte nur reinlesen und habe es dann innerhalb von sechs Stunden ausgelesen. Amy ist eine sehr ambivalente Figur, die ihre Umfeld, ihre Realität anfängt wahrzunehmen – ohne vom Alkohol oder ihrem Freundeskreis abgelenkt zu werden. Hass, Enttäuschung, Frustration, aber Lebensfreunde und Liebe, all diese Themenkreise lassen sich in diesem Roman finden. Der Stil wusste mitzureißen, die Beschreibungen und Metaphern sind einfach treffend und wissen auch eine feine Ironie auszudrücken: „All around us, the air smelled like burned rubber and cracked metal, and my cigarette still glowed as the world ended.“ oder „Mine [She speaks about her hair.] is short and the color red leaves are right before they rot.“

Ich zitiere hier noch etwas, dem ich mich ohne Umschweife anschließen möchte: „Elizabeth Scott has created an emotional roller coaster of a story of grief and loss with serious themes of death and substance abuse. Amy’s journey is believable as is her character. There were moments of weakness and there were moments of strength. Scott’s writing is sharp and clean making it clear as the story bounces between present and past. Also, her handling of Amy’s alcoholism is well done – the story never felt preachy. A wonderful, emotionally moving story.“ (LitMus)

Seher Çakır – Zitronenkuchen für die 56. Frau. Kurzgeschichten (Türkei – Österreich)

Die 113 Seiten haben sich sehr schnell lesen lassen, der Stil ist nicht anspruchsvoll, teilweise sehr salopp-schnoddrig. Nur zwei, vielleicht drei Texte wussten mich zu überzeugen, die restlichen haben bei mir keine Emotionen ausgelöst, weder hat mich der Inhalt noch die Aufbereitung von diesem angesprochen. Den Figuren fehlte teilweise ein emotionales Kostüm, sie wirkten austauschbar und es fiel sehr schwer zu ihnen einen emotionalen Bezug herzustellen. Und nein, es lag nicht allein an der Länge, offensichtlich fiel es der Autorin sehr schwer ihre Ideen und damit auch ihre Arbeiten zu strukturieren und auszugestalten. Das Spiel mit Klischees und deren Aufbruch (auch, wenn ich diesen nur selten beobachten konnte, aber das mag eine Frage dessen sein, was man als Klischee anerkennt) wurde stilistisch und thematisch auch nur selten überzeugend vorgetragen, bis hin zu Peinlichkeiten, die man als Humor verkaufen möchte. (So eine Kurzgeschichte, in der eine junge Frau einen traditionellen Weg wählt, Geschlchtsverkehr erst nach der Hochzeit durchzuführen und dann bei einem Frauenarzt erfährt, dass sie aus anatomischen Gründen kein Hymen zu verlieren habe, ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei einer solchen Entscheidung nicht um die Frage der sexuellen Entsagung geht, sondern um eine Frage von Tradition und konservativen Rollenvorstellungen)

Insgesamt nicht überzeugend.

Alessandro Baricco – Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten (Italien)

Ich möchte aus meiner Rezension zu „Ohne Blut“ zitieren: „Dieses Büchlein glänzt durch eine schöne, dennoch sehr einfache Sprache. Keine Verschachtlungen, wenig Stuckatur, wenig Zierendes. Die bloße Geschichte wird einem präsentiert, und obwohl nur wenig zu den Charakteren gesagt wird, so scheint es, weiß man doch mehr über sie, als einem wirklich lieb ist. […] Ein kurzes, schönes, nachdenklich – machendes Werk.“
Diese Zeilen passen auch zu „Novecento“, eine kleine Liebeserklärung an die Musik, an das Leben auf hoher See, an den Ozean. Klein, aber fein.

Régis de Sá Moreira – Das geheime Leben der Bücher (Brasilien – Frankreich)

Ein Buch, welches offensichtlich polarisiert. Auf der einen Seite: „zusammenhanglose Ideen, die ohne besonderen Plan zusammengefügt wurden“ (leselustfrust und „fehlte mir Hintergründiges, es plätscherte seicht vor sich hin“ (Lesemond). Auf der anderen: „eine Hommage an die Bücher und deren Wirkung!“ (Bücher4um) und „ein absolutes Wohlfühlbuch“ (Bücherzeit).

Vielleicht, weil dieses Buch nur Stichwörter bietet, Handlungsstränge aufgebaut und wieder verworfen werden, weil ein ganzes Figureninstrumentarium vorhanden, aber nur ein Protagonist in Interaktion mit all diesen erlebt wird; die Geschichte vermisst einen Aufbau, ein „konkretes Problem“ wird nicht beleuchtet, wie der Buchhändler sind wir förmlich auf der Suche nach einem Buch, in dem nichts passiert. Und doch, mich wusste dieses Szenarium anzusprechen – diese Figuren erinnerten mich an Bücher selbst, an Buchfiguren oder einfach nur Titel (die drei Damen – Ilias; der Reisende – Odyssee; der Mann, der so langsam spricht und Proust sucht – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“?). Auch das ist nur eine Idee. Auch, dass der Buchhändler keine Menschen trifft, sondern Lektüren (Bovarysmus also) ist auch eine Idee von mir.

Ein Lesehighlight, welches vielleicht mehr Fragen aufwirft, als man beantworten kann.